• vom 05.08.2017, 08:00 Uhr

Sportpolitik

Update: 05.08.2017, 08:48 Uhr

Olympia

Arena der geplatzten Träume




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Von WZ-Korrespondent Tobias Käufer

  • Das WM-Drama und das weltberühmte Maracanã: Ein Jahr nach Rio 2016 ist das Stadion ein Mahnmal des Größenwahns.

Das Maracanã-Stadion steht großteils leer. - © Vanderlei Almeida/afp

Das Maracanã-Stadion steht großteils leer. © Vanderlei Almeida/afp

Rio de Janeiro. Den Preis für den brasilianischen Größenwahn zahlen jetzt auch die Fans von Flamengo: "WM und Olympia haben uns das Maracanã genommen", sagt Felipe Rizzeto verbittert. Der 37 Jahre alte Zeitungsverkäufer aus dem Stadtteil Copacabana im Herzen von Rio de Janeiro ist begeisterter "Flamenguista", wie sich die Fans des populärsten Klubs in Brasilien nennen. An seiner Kioskwand hängt der tägliche Wahnsinn aus der Olympiastadt. Die Titelseiten, die vor einem Jahr noch Jamaika-Sprinter Usain Bolt oder US-Schwimmer Michel Phelps präsentierten, zeigen nun die Bilder von Überfällen und unschuldigen Opfern von Querschlägern aus einer der unzähligen Schießereien.

Rund 316 Millionen Euro kosteten nach offiziellen Angaben der Umbau und die Modernisierung des berühmtesten Stadions in Südamerika. Gehoben auf ein Fünf-Sterne-Niveau für die Premiumprodukte von Fifa und Internationalem Olympischen Komitee IOC und zugleich weit weg von der brasilianischen Lebensrealität. "Das kann doch keiner mehr bezahlen", sagt Rizzeto kopfschüttelnd, wenn er die Berichte über Stadionmieten und Außenstände in seinen Zeitungen liest. Ins Land geholt wurden die Mega-Events von Brasiliens Ex-Präsident Lula da Silva, der Mitte der ersten Dekade dieses Jahrtausends seine Nation schon auf dem Weg zur Supermacht sah. Damals flog der Ölpreis in höchste Sphären, genauso wie Lulas Traum von einer besseren Zukunft. Legendär ist das Titelblatt des Magazins "The Economist", welches die Christusstatue als eine in den Himmel startende Rakete zeigte. Ein 14-seitiges Special über den großen Erfolg Brasiliens inklusive. Doch Lulas Träume platzten. Statt in die marode Infrastruktur seines Landes zu investierten, stellte Lula lieber die Weichen für den Bau sündhaft teurer Stadien. Nun zahlt der südamerikanische Gigant für die größenwahnsinnigen Entscheidungen dieser Jahre einen hohen Preis. Brasiliens politische Klasse war weder politisch, wirtschaftlich noch ethisch für diese Großevents gerüstet.


Flamengo spielt kaum noch in der riesigen Arena. Nur ein paar Spiele in der Copa Libertadores gerieten zum rauschenden Fest, doch der Klub verpasste die K.o.-Runde. Stattdessen nennt der Ex-Klub der Fußball-Legende Zico seit ein paar Monaten das Estádio da Ilha do Urubu sein neues Zuhause. Stahlrohrtribünen haben die Kapazität der in den 60er Jahren errichteten Arena mit nur einem Dach auf rund 20.000 Plätze vergrößert. Der Klub kann sich die teure Stadionmiete für das Maracanã nur noch in Ausnahmefällen leisten. Die Fans gehen auf die Barrikaden, weil Flamengo angesichts des verknappten Platzangebotes astronomische Eintrittspreise verlangt. Wegen der horrenden Unterhaltskosten kann der Betreiber das Fünf-Sterne-Stadion nur gegen sehr hohe Stadionmieten zur Verfügung stellen, ansonsten droht der Ruin. Der Bundesstaat ist pleite und kann nicht einspringen. Rios Klubs winken ab, weichen lieber auf uralte Stadion irgendwo in der Peripherie aus. So wird das Stadion zu einem Mahnmal für alles, was schiefgelaufen ist, rund um WM 2014 und Olympia 2016.

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Dokument erstellt am 2017-08-04 16:39:06
Letzte nderung am 2017-08-05 08:48:41



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