• vom 12.06.2014, 18:00 Uhr

Sport


Fußball-WM 2014

Europa allein zuhaus




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  • Trotz der Widerstände aus den europäischen Verbänden und den Protesten in Brasilien
  • gelang Joseph Blatter beim Kongress in São Paulo sportpolitisch ein Erfolg.


© ap/Julio Cortez © ap/Julio Cortez

São Paulo. Joseph Blatter bleibt der mächtigste Mann der Fußball-Welt. Und das wahrscheinlich noch für eine weitere komplette Amtszeit bis nach der übernächsten WM. Mit unglaublichem Geschick placierte der Fifa-Präsident beim Kongress in São Paulo seine erneute Kandidatur und stellte seine Gegner aus Europa nur einen Tag nach deren per Verbal-Attacke vorgetragener Rücktrittsforderung ins Abseits.

"Meine Mission ist noch nicht beendet, das sage ich Ihnen. Wir werden die neue Fifa errichten", rief der 78-Jährige den Delegierten aus 209 Ländern in der ihm vorbehaltenen Schlussansprache zu. Die Kontrahenten hatten laut Protokoll keine Chance mehr zu antworten.

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Der Wahlkampf begann für Blatter schon vor der Ankündigung zur Kandidatur, der allerdings noch ein formaler Akt der neuen internen Präsidenten-Prüfung folgen muss. Den Mitgliedsverbänden versprach er nun auch vor Publikum neue Millionenzahlungen aus dem prall gefüllten WM-Geldtopf. Und dann verkündete er noch, dass er plötzlich den Video-Beweis im Fußball nicht mehr ausschließt. "Warum geben wir den Trainern nicht die Möglichkeit, zwei Entscheidungen anzuzweifeln, wenn sie anderer Meinung sind?", fragte Blatter.

Das war eine neue Breitseite gegen den möglichen Herausforderer Michel Platini. Der Uefa-Präsident, der ein Gegenkandidat Blatters bei der Wahl im kommenden Jahr sein könnte, konnte sich bisher noch nicht einmal mit der neuen Torlinientechnik anfreunden. Nun geriert sich Blatter schon als radikaler Erneuerer und Mann der Zukunft - im Alter von 78 Jahren. Dass die Verbandsvertreter auf den nunmehrigen Vorstoß nicht wirklich vorbereitet waren, bestätigte Österreichs Verbandschef Leo Windtner in einem Gespräch mit der Austria Presse Agentur APA. "Das war ein nicht zu erwartender Schnellschuss, der meines Wissens nicht durch Experten untermauert ist", meinte er. Zudem hatte Blatter den Forderungen nach einem Videobeweis bisher stets eine Absage erteilt.

Doch die eigene Meinung von gestern ist im Fußball-Funktionärswesen dieser Tage wenig wert. Schließlich hatte Blatter 2011 angekündigt, dass die laufende definitiv seine letzte Amtszeit auf dem Thron des Weltverbandes sein werde.

Und wie reagierte Fußball-Europa? Die Funktionäre schwiegen den gesamten gut siebenstündigen Kongress im Transamerica Expo Center von São Paulo. Noch am Vortag hatten die Uefa-Delegierten Blatter in ihrer Sitzung unmissverständlich zum Abschied aus dem Amt aufgefordert. Nun hielten sie sich ans Protokoll und mussten sich danach noch einiges vorwerfen lassen. "Ich habe schon sehr viel einstecken müssen in meinem Leben. Aber so etwas Respektloses habe ich noch nie erlebt, weder auf dem Fußballfeld noch im eigenen Hause", sagte Blatter. Eines ist seit Mittwoch auch klar. Ohne den Mut zur großen Revolution wird Blatter kaum aus dem Amt zu drängen sein. Theoretisch könnte der Schweizer nun sogar noch viel länger Fifa-Chef bleiben, denn sowohl Alterslimit als auch Amtszeitbeschränkung wird es bei der Fifa nicht geben. Beide Anträge als Schlusspunkt der ohnehin dürftigen Demokratiereform schafften nicht einmal die fürs Erste notwendige einfache Mehrheit.

Dieses Ergebnis brachte für Fußball-Europa jedenfalls die bittere Erkenntnis, innerhalb der Fifa immer mehr Einfluss zu verlieren. Einer derjenigen, die sich danach kritisch über die Vorgänge beim Kongress in São Paulo äußerten, war auch Windtner. "Es war einigermaßen ernüchternd, wie Europa überstimmt worden ist, das war nicht zu erwarten und für uns enttäuschend", sagte der Oberösterreicher. Auch für ihn sei dies ein "gewisses Vorgefühl auf das, was nächstes Jahr in Zürich passieren wird" gewesen, erklärte er. Denn trotz der Korruptionsvorwürfe - der Abschlussbericht von Chefermittler Michael Garcia über die Vorgänge rund um die umstrittene Wahl der WM-Austragungsorte Russland und Katar für 2018 und 2022 wird nach der WM erwartet - und der generellen Kritik an der Fifa, die auch in Brasilien zu einer mittlerweile abflauenden Protestwelle geführt hatte, ist Blatter nach wie vor am Ball. Und wird es wohl noch länger bleiben.




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Dokument erstellt am 2014-06-12 18:03:24




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