
Die Ehrfurcht im deutschen Feuilleton lässt sich fast mit Händen greifen. Man kann das Buch nicht einfach übergehen. Immerhin ist es Ingeborg Bachmann, deren Schreibmaschine "Die Radiofamilie" entsprungen ist. Nachgelassenes einer großen Dichterin - Literaturkritiker, sinke auf die Knie.
"Die Radiofamilie" - das war eine Radio-Seifenoper, die der US-amerikanisch kontrollierte Besatzungssender Rot-Weiß-Rot in den Jahren 1952/53 in Österreich ausstrahlte. Das Ziel der Serie war die Umerziehung der Österreicher im Geist der Besatzungsmacht - und damit der McCarthy-Ära. Thema: die Mittelstandsfamilie Floriani im österreichischen Alltag. Der Vater ist ein sympathischer ehrlicher Richter, die 17-jährige Tochter sympathisch aufmüpfig, der 12-jährige Sohn sympathisch frech, die Haushälterin sympathisch resch, und die sympathisch verschrobene Tante muss den Onkel im Zaum halten, der ein Mitläufer der Nationalsozialisten war und als Einziger nicht ganz so sympathisch ist.
Und für 15 der 63 Folgen schrieb also Ingeborg Bachmann das Buch. Das muss doch eine literarische Sensation sein! Wenn nur die harmlosen Plaudereien nicht weniger ein kühner dichterischer Sprung wären, sondern ein Hopser, den man ohne zu zögern als "talentfrei" einstufen würde. Stünde nicht der Name Ingeborg Bachmann als Autorin drauf.
Man darf der Autorin keinen Vorwurf machen: Sie musste Geld verdienen und machte es lieber hauptberuflich schreibend, als dass sie irgendeinen Job angenommen hätte und sich als Freizeitautorin betätigt hätte. Das erfordert Mut. Auch dass sie sich inhaltlich den zweifellos vorhandenen Vorgaben anpasste, darf ihr niemand übel nehmen.
Spektakulärer Tod durch Medikamentenabhängigkeit
Eher gilt es, sich irgendwann die Frage zu stellen, ob Ingeborg Bachmann nicht zu Unrecht zur Ikone erhoben wurde. Zweifellos ist ihre Biografie spektakulär - nicht zuletzt ihr Tod: Sie schlief mit einer brennenden Zigarette ein, es entstand ein Brand, bei dem die Dichterin schwere Verletzungen erlitt. Sie starb jedoch, durch die Brandwunden geschwächt, an Entzugserscheinungen, da die Ärzte nichts von der langjährigen schweren Tablettensucht wussten und die epilepsieartigen Symptome falsch deuteten. Einige Zeit stand sogar der Verdacht im Raum, Ingeborg Bachmann könnte einem Mordanschlag zum Opfer gefallen sein. Der deutsche Komponist Hans Werner Henze, für den sie mehrere Texte geschrieben hatte, war davon so überzeugt, dass er sogar Detektive auf die letzten Endes kalte Spur setzte.