Gaza. Die einen werfen Blütenblätter, die anderen schwenken palästinensische Flaggen, die dritten vergießen Tränen. Für Hunderttausende Bewohner des ärmlichen Gazastreifens ist dies ein beispielloser Freudentag. Knapp 300 von Israel freigelassene Häftlinge rollen mit einem Konvoi durch den Grenzposten Rafah nach Gaza herein, an der Spitze drei Fahrzeuge des militärischen Arms der Hamas-Bewegung, gefolgt von einem Fahrzeug des Roten Kreuzes und acht Bussen mit den Ex-Häftlingen. Ihre Freilassung sei "der erste Schritt zur Befreiung des ganzen palästinensischen Volkes", sagt einer der Freigelassenen einem ägyptischen Fernsehteam.
Die Hamas-Bewegung hat alles getan, um den Tag der Heimkehr so triumphal wie möglich zu gestalten. Von den Minaretten tönten schon am Vorabend die Aufrufe, alle sollten zur großen Siegesfeier auf dem Katiba-Platz im Zentrum von Gaza zusammenströmen. An der Zufahrtsstraße vom Grenzposten in die Stadt bildet die Bevölkerung ein Ehrenspalier, auf dem Katiba-Platz sind es am Ende mindestens 200.000, die mitjubeln. "Ich kann meine Gefühle gar nicht richtig ausdrücken", sagt Hamdya al-Sinwar, die Schwester des zu den Freigelassenen zählenden Hamas-Militärchefs Yahia al-Sinwar. "Es ist der schönste Tag unseres Lebens."
Seit vier Jahren kontrolliert die Hamas den Gazastreifen - und an diesem Tag vollendet sich für sie ein einmaliger Erfolg. Der Chef der Gaza-Regierung, Ismail Haniyeh, lässt es sich nicht nehmen, die Freigelassenen einzeln zu begrüßen. Die Angehörigen lassen ihrer Dankbarkeit freien Lauf. "Die Befreiung unserer gefangenen Söhne war ein ungewisser Traum, der durch die Hand des Widerstandes zur Wirklichkeit wurde", schwärmt Um Ahmed al-Saidi, die heute einen ihrer lange von Israel inhaftieren Söhne wieder in die Arme schließen kann. Der andere steht noch nicht auf der Liste, aber nun ist sie sich sicher, dass er "mit allen Häftlingen" freikommen wird.
Ein Teil der palästinensischen Gefangenen wird im Westjordanland auf freien Fuß gesetzt. Auch Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas rühmt die "Opfer und Anstrengungen" der Häftlinge, die "nicht vergebens" gewesen seien. Doch das größte Augenmerk richtet sich an diesem Tag zweifellos auf den israelischen Soldaten Gilad Shalit, der im Gazastreifen mehr als fünf Jahre als Faustpfand festgehalten wurde, und auf den Triumphzug der größten Gruppe der Freigelassenen in der Hamas-Hochburg Gaza. Im Austausch gegen Schalit sollen mehr als tausend Palästinenser freikommen. Der Vize-Chef der Hamas, Moussa Abu Marsuk, mahnt die israelische Seite, sie müsse "unsere anderen Häftlinge freilassen". Wenn dies nicht auf "normalem" Wege geschehe, droht Abu Marsuk am Grenzposten Rafah, dann werde es "auf anderen Wegen" möglich gemacht.