London.

Mit dem Tod Georgs VI. war "Lilibet" zu Elizabeth II. geworden - die Königin Britanniens, Nordirlands und all der anderen, weltumspannenden Besitzungen des Vereinigten Königreichs. Bleich, aber entschlossen, sahen die Briten die 25-Jährige tags darauf in London aus dem Flugzeug steigen. Winston Churchill war damals noch Premierminister und Heathrow nur ein bescheidener, hoppeliger Flugplatz. Der Krieg lag keine sieben Jahre hinter den Britischen Inseln.
Die Welt, in der Elizabeth das Zepter übernahm (und ein Jahr später in aller Form in Westminster Abbey gekrönt wurde), war eine Welt bescheidener Lebensverhältnisse für die meisten Briten. Auch eine Welt beträchtlicher sozialer Gräben und festgefügter Wertsysteme, in der das Verhältnis zur Monarchie noch von der Ehrfurcht der vergangenen Jahrhunderte geprägt war. Nicht ganz die Welt, in der heute ein Prinz Harry den Medien erklärt, es gäbe eine Menge Dinge, die seine schwer arbeitende Oma "in ihrem Alter nicht mehr tun sollte". Und dass Elizabeth ohne ihren mittlerweile 90-jährigen Gatten Philip ihren königlichen Pflichten wohl nicht länger würde nachkommen können: "Ich glaub nicht, dass sie es ohne ihn schaffen würde", plauderte Harry jüngst in der BBC aus dem Nähkästchen.
Ein schwankendes Empire

Nach 60 stolzen Jahren als Staatsoberhaupt, und inzwischen selbst 85 Jahre alt, findet sich Königin Elizabeth II. nun also in einer Gesellschaft wieder, in der die eigene Familie offen über sie spekuliert, in der viele der alten Werte sich aufgelöst haben und ihre angeborene Zurückhaltung nicht mehr als das gilt, was sie einmal gegolten hat.
Es ist ein langes zweites "elizabethanisches Zeitalter" geworden. Das diamantene Jubiläum markiert den zähen Marsch der Queen durch immer wechselnde soziale, politische und ökonomische Kulissen. Drei Jahre und sieben Monate liegt sie jetzt nur noch hinter der Rekordhalterin, ihrer Ururgroßmutter Königin Viktoria, zurück. Wenn sie bis zum September 2015 auf dem Thron bleibt, ist sie das gekrönte Haupt mit der längsten Dienstzeit in der gesamten britischen Geschichte. An Pflichtbewusstsein und Entschlossenheit hat es ihr jedenfalls nie gefehlt. Schon 1952, als sie Königin wurde, nahm sie sich vorbehaltlos der Aufgabe an, die ihr der Zufall der Geschichte und das Vorrecht ihrer Geburt auferlegten. Die Abdankungskrise von 1936, als Eduard VIII. den Thron wegen einer Liebesaffäre zugunsten von Elizabeths Vater räumte, war vielen ihrer Landsleute damals noch in lebhafter Erinnerung. Der Krieg hatte ihr Land erschüttert und ausgeblutet. Das Empire, der Stolz der Viktorianer, war bereits am Auseinanderfallen. Benötigt wurde ein Gefühl der Sicherheit, der Solidität, der Verlässlichkeit. Etwas, was den Briten eine Zukunft versprach. Das suchte Elizabeth ihren Landsleuten zu vermitteln. Das machte sie zu ihrer Mission.
Ihre jugendliche Erscheinung, ihr Image als "die hübsche Königin" im Buckingham-Palast, sorgte dabei für einen guten Start. Fleißig widmete sie sich Empfängen, Audienzen mit "ihren" Regierungschefs, der Akten-Arbeit, öffentlichen Auftritten. Sie zerschnitt Bänder auf neugebauten Autobahnen und bereiste mit Philip monatelange die Reste des Empires. Wer mit ihr sprach, konnte auf Diskretion zählen. Schweigen war für sie mehr als Gold, es war die nackte Amtsnotwendigkeit. Bis heute hat sie nie "ausgepackt", nie jemandem ein Interview gegeben.
In einem Land, das in den 1950ern noch ganz auf die Monarchie ausgerichtet war, in dem in vielen Amtsstuben Elizabeths Porträt hing und am Ende von Kino- und Theatervorstellungen "God Save the Queen" gespielt wurde, war sie ein vorbildliches, ein ganz und gar unangreifbares Staatsoberhaupt. Eine Handvoll republikanische Kritiker spotteten über "das Püppchen mit dem Uhrwerk", das sie in ihr sahen. Die Queen aber blieb ihrer Rolle, ihrer pünktlichen Routine treu.
Ein klein wenig modern
Von politischen Kontroversen wusste Elizabeth sich stets fernzuhalten. Nicht einmal der Liebeskummer ihrer Nächsten brachte sie von ihrer schmerzhaften Geradlinigkeit ab, wo es um Staatsräson und kirchliche Gebote ging. Sie war die wirkliche "Eiserne Lady" der Briten. Mit zögernden Reformen, wie der Abschaffung der "Einführungsbälle" für höhere Töchter bei Hofe, suchte sie die Monarchie vom Ruch totaler Antiquiertheit zu befreien. Sportler, Musiker, Filmemacher und Poeten wurden erstmals zu "informellen" Empfängen in den Buckingham Palace eingeladen. Die traditionelle Weihnachtsansprache wurde statt nur fürs Radio nun auch fürs Fernsehen produziert. Sehr viel mehr glaubte Elizabeth "der Moderne" nicht schuldig zu sein.