Wien. Bankenrettungspakete bei steigender Arbeitslosigkeit. Steuerliche Anreize für den Kauf eines Neuwagens. Boni für Banker. Davon, dass die Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen wirtschaftlichen System wächst, zeugt unter anderem die weltweite Occupy-Bewegung, die sich aus den verschiedensten Schichten zusammen setzt. Und doch: Kritik am gegenwärtigen System der - je nach Sprachregelung und Standpunkt - Marktwirtschaft oder des Kapitalismus wird gern im Keim erstickt. "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns." Das Totschlagargument des Kommunismus wird den Theoretikern und Praktikern, die Wege abseits des Systems suchen, gerne zwischen die Beine geworfen.
Theorien, wie das wirtschaftliche System auf neue Beine gestellt werden kann, gibt es wie Sand am Meer. Viele ähneln sich auf den ersten Blick, erst bei Details (etwa ob Geld alleine wieder Geld schaffen darf - also Zinsen abwerfen) gehen sie auseinander.
Club of Rome in den 70ern
Eine der bekanntesten Theorien, unter der viele Spielarten der Alternativen zusammenlaufen, ist die Postwachstumstheorie. Ihren Ursprung nahm sie 1972, als das Buch "Die Grenzen des Wachstums" veröffentlicht wurde. Die Studie - mittlerweile ein Dauer-Bestseller - war ein Auftragswerk für den Club of Rome, der vier Jahre zuvor von dem italienischen Industriellen Aurelio Peccei, damals im Vorstand von Fiat, mitbegründet worden war. (Und Peccei war kein Kommunist, obwohl er als Mitglied antifaschistischer Partisanen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs im Gefängnis war.) Die "Grenzen des Wachstums" stellte erstmals die Währung des gegenwärtigen Systems in Frage: das Wachstum. Und zwar Wachstum gemessen am Bruttoinlandsprodukt, den Waren und Dienstleistungen, die in einem Jahr in einem Land produziert werden müssen - und die stets das Vorjahresergebnis toppen sollten. Denn die Ausweitung der Produktion dient der Ausweitung der Arbeitsplätze, dient der Ausweitung des Wohlstands, dient der Ausweitung der Kaufkraft - welche die Produktion wieder ankurbelt.
Wachstumszenit ist erreicht

Das funktioniert vor allem in Gesellschaften, die sich im wirtschaftlichen Entwicklungsstadium befinden - wie in den USA und in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg (einer Zeit, in der das Bevölkerungswachstum auch zugenommen hat), oder im ehemaligen Ostblock nach dem Fall der Mauer. In gesättigten Gesellschaften wird es schon schwieriger, ständig hohe Wachstumsraten zu erzeugen. Manchmal sogar unmöglich, wie die Wirtschaftskrise gezeigt hat. Auch in den "neuen" EU-Staaten verflacht langsam die Wachstumskurve. Die Theorie des Postwachstums versucht, ein Wirtschaftsmodell nach dem Zenit der Sättigung zu finden und warnt vor Maßnahmen, das Wachstum um jeden Preis beizubehalten. Denn die Kosten trägt zwar vielleicht auch der Steuerzahler, aber primär die Umwelt. Der profilierteste (nicht-marxistische) Wachstumskritiker ist der Schweizer Volkswirtschaftsprofessor Hans-Christian Binswanger. Er war in Sankt Gallen auch Doktorvater von Josef Ackermann - der scheidende Vorstandsvorsitzende der Deutsche Bank ist ebenfalls noch nie unter Kommunismus-Verdacht geraten.
Öko-Steuermodell in 80ern
Binswanger entwickelte in den 1980er Jahren das "Ökologische Steuermodell" - das knappe Gut fossiler Energie sollte empfindlich besteuert werden und so die soziale Sicherung finanzieren. Grundgedanke dabei ist nicht nur die Verknappung der fossilen Energien, sondern auch die Gesundheitskosten (etwa durch Atemwegserkrankungen), die der Verbrauch fossiler Energien bedingt. Irmi Seidl, Schweizer Ökonomin und ehemalige Binswanger-Mitarbeiterin formuliert es im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" so: "Mit Wirtschaftswachstum sind Umweltkosten verbunden. In Deutschland beispielsweise fallen 20 Prozent des Wirtschaftswachstums als Umwelt- und Sozialkosten an. Die Luft und die Seen werden verschmutzt, Gesundheitsbeeinträchtigungen sind die Folge." Wesentlicher Ausgangspunkt der Postwachstumsgesellschaft ist daher, dass es zwischen Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch noch nie zu einer ganzen Entkoppelung gekommen ist. Selbst wenn man sich bemüht, meint Seidl: "Der Rebound-Effekt besagt, dass wir, wenn wir bei Ressource A sparen, verwenden wir dafür mehr von der Ressource B. Also, wenn Leute Sparlampen kaufen, lassen sie dafür das Licht länger brennen. Das Potenzial wird nicht ausgeschöpft. Das heißt, um das Umweltproblem in den Griff zu bekommen, reichen Effizienzmaßnahmen nicht aus. Vielmehr müssen wir uns die Tatsache ansehen, dass mit Wirtschaftswachstum Ressourcenverbrauch zusammenhängt. Wir leben in einer Welt, die begrenzt ist."
Dazu komme, dass selbst durch die Konjunkturförderungsprogramme und das Geld, das der Staat dafür in die Hand genommen hat, das Wachstum nicht angesprungen ist. In der Postwachstumstheorie darf es zwar "konventionelles" Wachstum geben, aber Unternehmen und Branchen dürfen auch schrumpfen.
Aufregung in Alpbach
Als die Ökonomin Seidl im Sommer 2011 am Wirtschaftsforum Alpbach ihr Impulsreferat hielt, bildete sich im Saal und am Podium beinahe ein entrüsteter Mob. "Gehens einmal nach Moldawien und schauns, wie sich die dort alle zehn Finger nach Wachstum abschlecken", empfahl eine hochrangige österreichische Politikerin im gereizten Ton - außer Acht lassend, dass Moldawien als Transitionsland nicht in die Kategorie der gesättigten Industrienationen fällt. Aber auch ein Vertreter eines renommierten Wirtschaftsforschungsinstituts beschied Seidl, das sie ihre Ideen doch selber nicht ernst nehmen könnte. Diese seien nämlich verantwortungslos - denn wo sollen die Arbeitsplätze herkommen, wenn nicht über Wachstum. Seinem Tonfall nach zu urteilen, war es fast so, als klebte Blut auf den Händen der Umweltökonomin.