Brüssel/Belgrad. Es ist eines der bekanntesten serbischen Gesichter in der EU-Hauptstadt. Seit Jahren ist Boris Tadic regelmäßig in Brüssel zu Gast; ebenso regelmäßig gibt er dort Versprechen ab, die von der Union geforderten Reformen durchzusetzen. Und immer wieder kehrte der Präsident mit froher Kunde zu seinen Landsleuten zurück. Zuletzt Ende Februar: Nach längerem Tauziehen erhielt Serbien den Status eines EU-Beitrittskandidaten.
Den Antrag auf Mitgliedschaft hatte Belgrad gute zwei Jahre zuvor gestellt - und es wird weit länger dauern, bis dieser Wunsch sich erfüllt. Es ist nicht einmal klar, wann die Beitrittsverhandlungen selbst beginnen können. Das könnte unter anderem vom Ergebnis der Wahlen am Sonntag abhängen. Denn auch wenn die Europäische Kommission offiziell vor derartigen Urnengängen nicht Stellung nehmen möchte, gibt es so manchen, der einen Wahlsieg Tadics lieber sähe. Die Überlegung dürfte eine ähnliche sein wie jene, die in Belgrad etliche offen aussprechen: Die Haltung des bisherigen Präsidenten zur Europäischen Union ist wenigstens klar - und positiv.
Sein größter Herausforderer aber, Tomislav Nikolic, hat erst vor kurzem einen Wandel vom deklarierten EU-Skeptiker zum Befürworter der Annäherung an die Union durchgemacht. Und auch wenn alle großen Parteien die Pläne eines EU-Beitritts unterstützen, könnte die politische Landschaft Serbiens schon bald eine völlig andere sein - und mit ihr könnten sich die politischen Prioritäten ändern. Immerhin stehen nicht nur Präsidenten-, sondern auch Parlaments- und Lokalwahlen an.
Dass die künftige Führung in Belgrad die EU-Perspektive aus den Augen verliert, ist dennoch unwahrscheinlich. Zu groß sind die Erwartungen etlicher Bürger an die Union - und deren Möglichkeiten, Druck auszuüben -, die von Hoffnungen auf eine Besserung der wirtschaftlichen Lage über Hilfe bei der Bekämpfung der Korruption bis zur Erneuerung des politischen Systems in Serbien reichen. Im Wissen darum plädierte Tadic, der immer wieder auf seine Erfolge in Brüssel verweist, an seine Landsleute: "Lasst uns nicht auf halbem Weg steckenbleiben, sondern die begonnene Arbeit beenden und die Fehler korrigieren." Vieles in den letzten Jahren hätte nämlich schneller verrichtet werden können, räumte der Vorsitzende der Demokratischen Partei ein.