
Paris/Wien. (aum/apa) Historischer Machtwechsel in Frankreich: François Hollande ist zum neuen Präsidenten gewählt worden und damit der erste Sozialist seit 17 Jahren an der Spitze der Macht.
Der Sozialist Francois Hollande hat die Präsidentenwahl in Frankreich nach dem vorläufigen offiziellen Endergebnis mit 51,62 Prozent der Stimmen gewonnen. Amtsinhaber Nicolas Sarkozy erreichte 48,38 Prozent, wie das Innenministerium am Montagvormittag in Paris mitteilte. Die Wahlbeteiligung unter den rund 46 Millionen Stimmberechtigten lag bei 80,34 Prozent und damit etwas unter der vor fünf Jahren. Damals hatten 83,97 Prozent einen Stimmzettel abgegeben.
Auffällig bei dieser Wahl war der mit 5,8 Prozent relativ hohe Anteil der ungültigen Stimmzettel. Er wurde auf Protestwähler zurückgeführt. In der ersten Wahlrunde mit zehn Kandidaten hatte am 22. April die Rechtspopulistin Marine Le Pen knapp 18 Prozent der Stimmen geholt. Sie hatte nach ihrem Ausscheiden keine Wahlempfehlung gegeben, sondern nur gesagt, dass sie selbst einen leeren Stimmzettel abgeben werde.

In absoluten Zahlen bekam Hollande in der Stichwahl rund 18 Millionen Stimmen, Sarkozy 16,87 Millionen. 2,15 Millionen Stimmenzettel waren ungültig.
"Wir haben gewonnen"
"Liebe Mitbürger, die Franzosen haben an diesem 6. Mai für den Wandel gestimmt", sagte Hollande am Sonntagabend mitten in die Sprechchöre "Wir haben gewonnen" seiner Anhängern hinein. Auf der Place de la Cathédrale in Tulle im Département Corrèze, wo er Präsident des Generalrates ist, sagte Hollande, er hätte genug von den Zäsuren der Ära Sarkozy und sehe es als seine "Pflicht" an, zu "einen" und "jeden einzelnen Bürger zum Teil des gemeinsamen Handelns zu machen".

In Paris und in Hollandes Wahlkreis Tulle (Zentralfrankreich) gab es spontane Jubelfeiern und Autokorsos. In der Hauptstadt strömten tausende Hollande-Anhänger zur Place de la Bastille. An der gleichen Stelle - dem Symbol der Französischen Revolution -hatte 1981 Frankreichs Linke den Sieg François Mitterrands gefeiert. Er war der erste und bisher einzige sozialistische Präsident der Fünften Republik.
Anruf in Berlin
Hollande hat angekündigt, in Europa ein Gegengewicht zum Sparkurs der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel zu schaffen. Die vielerorts befürchtete Abkühlung des Verhältnisses mit Deutschland wurde noch am Wahlabend relativiert. Hollande werde sogleich die deutsche Kanzlerin Angela Merkel anrufen, erklärte einer seiner engsten Vertrauten, der Bürgermeister von Nantes, Jean-Marc Ayrault. Die deutsche Regierung hat Hollande eine enge Zusammenarbeit in Aussicht gestellt. Außenminister Guido Westerwelle sagte am Sonntagabend in Berlin: "Wir wollen mit dem neuen Präsidenten sehr eng zusammenarbeiten. Gemeinsam wollen wir dafür arbeiten, die Schuldenkrise zu überwinden. Wir haben einen Fiskalpakt. Jetzt wollen wir einen Wachstumspakt für mehr Wettbewerbsfähigkeit hinzufügen."
Sarkozy auf der anderen Seite ist der elfte europäische Staats- oder Regierungschef, der infolge der Wirtschaftskrise sein Amt verliert. Das Wachstum in Frankreich stagniert und die Arbeitslosigkeit kletterte auf ein Zwölf-Jahreshoch. Die Staatsverschuldung führte dazu, dass die Ratingagentur Standard & Poors dem Land die Top-Bonitätsnote Triple-A entzog. Der scheidende Präsident räumte seine Niederlage innerhalb von 20 Minuten nach dem Schließen der letzten Wahllokale um 20 Uhr ein. Er sagte, er habe mit Hollande telefoniert und ihm viel Glück gewünscht.
Der plötzliche Aufstieg Hollandes überraschte zunächst Freund und Feind. Nach einer unglaublichen Wandlung vom rundlich-biederen Langeweiler zum staatsmännisch auftretenden Politiker schaffte er, was seine frühere Lebensgefährtin Ségolène Royal vor fünf Jahren vergeblich versucht hatte: den ganz großen Sprung ins Spitzenamt der Republik.
Zeit auszuruhen wird Hollande nicht haben. Anfang Juni finden die Parlamentswahlen statt, die die Sozialisten ebenfalls gewinnen müssen, will Hollande nicht gegen eine feindliche Mehrheit regieren. Sollte das gelingen, würden sie so viele Hebel der Macht kontrollieren wie niemand zuvor in der Fünften Republik. Sie hätten beide Kammern des Parlaments, fast alle Regionen, zwei Drittel der Gemeinden und zu guter Letzt natürlich noch den Präsidenten.