Paris. "Mit Würde und Schlichtheit" will der neue französische Präsident François Hollande sein Amt führen. Und ohne Glamour begann der 57-Jährige am Dienstag auch seine Amtszeit. Bewusst setzte sich der Sozialist damit von seinem Vorgänger Nicolas Sarkozy ab, der vor fünf Jahren mit einem filmreifen Auftritt seiner siebenköpfigen Patchwork-Familie in den Elysee-Palast eingezogen war.
Regierungschef Ayrault: Deutschland-Kenner und Hollande-Vertrauter
Der 62-jährige Sozialist Jean-Marc Ayrault wird neuer französischer Regierungschef. Das teilte das Präsidialamt am Dienstag in Paris mit. Ayrault ist ein langjähriger Vertrauter des neuen Präsidenten Francois Hollande und kennt Deutschland seit einem Studium sehr gut.
Als Zeichen der neuen Einfachheit wählte der erste sozialistische Präsident seit 17 Jahren ein silbergraues Mittelklasseauto der Marke Citroën für seine erste Fahrt über die Pariser Champs-Elysees. Dass es ausgerechnet bei der Fahrt über die Prachtmeile in Strömen regnete, schien den neuen Staatschef nicht zu stören. Unverdrossen lächelnd winkte der bis auf die Haut durchnässte Präsident mit verschmierter Brille den wenigen Zuschauern zu, die trotz des schlechten Wetters am Straßenrand standen.
"Von diesem Augenblick an verkörpern Sie Frankreich", hatte der Präsident des Verfassungsrates, Jean-Louis Debre, Hollande kurz zuvor mit auf den Weg gegeben. Und so war das Bild des Staatschefs, der trotz des schlechten Wetters Haltung bewahrte, auch ein Signal an das Land, angesichts der Probleme nicht aufzugeben.
Als größte Schwierigkeiten Frankreichs nannte Hollande in einer zehnminütigen Ansprache vor hunderten Gästen im Festsaal des Elysee-Palasts den riesigen Schuldenberg, schwaches Wachstum, hohe Arbeitslosigkeit und geringe Wettbewerbsfähigkeit. Doch Angst machen wollte der neue Präsident, dessen Rede Lebensgefährtin Valérie Trierweiler mit stolzem Blick verfolgte, seinen Landsleuten nicht.
Er sende eine "Botschaft des Vertrauens" aus, sagte der zweite Sozialist nach François Mitterrand an der Staatsspitze der Fünften Republik. Um Vertrauen warb Hollande, der die Stichwahl am 6. Mai nur mit gut 1,1 Millionen Stimmen Vorsprung vor Sarkozy gewonnen hatte, auch bei seinen politischen Gegnern.
"Unsere Meinungsunterschiede dürfen nicht zur Teilung führen, unsere Verschiedenheit nicht zur Zwietracht", mahnte der 57-Jährige, um dann das Motto seines Wahlkampfes aufzugreifen - den Zusammenhalt. "Es ist die Aufgabe des Präsidenten, dazu beizutragen", sagte Hollande nach einem erbittert geführten Wahlkampf gegen Sarkozy, den er am Vormittag ebenso wie Carla Bruni-Sarkozy aus dem Elysee-Palast verabschiedet hatte.
Dann wandte der neue Staatschef den Blick nach vorne - Richtung Berlin, wo er am Dienstagabend erwartet wurde. "Ich werde unseren Partnern einen neuen Pakt vorschlagen, der die notwendige Reduzierung der Staatsschulden mit der unerlässlichen Ankurbelung der Wirtschaft verbindet", kündigte der 57-Jährige am Vormittag im Festsaal des Elysee-Palastes an. "Um die Krise zu überwinden, braucht Europa Projekte, es braucht Solidarität, es braucht Wachstum."
Ob die Botschaft bei der deutschen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ankommt, sollte Hollande am Abend erfahren. In Frankreich lobten sogar Vertreter des Sarkozy-Lagers wie Arbeitgeberpräsidentin Laurence Parisot die ersten Worte des neuen Präsidenten. "Eine klare Ansprache", sagte Parisot, die im Wahlkampf unverhohlen Sarkozy unterstützt hatte.
Auch Merkel, die zuletzt eng mit Sarkozy zusammengearbeitet hatte, könnte schneller als von vielen gedacht eine Arbeitsebene mit Hollande finden. Schließlich haben die beiden eine ähnlich sachliche, auf Ausgleich bedachte Art, wie Berater Hollandes hervorheben. Vielleicht kann ja auch eine Personalie das Eis brechen: Der Deutschland-Kenner Jean-Marc Ayrault soll laut Vertrauten der neue Regierungschef unter Hollande werden.