• vom 31.05.2012, 18:03 Uhr

Top News

  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (5)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



"Wählen allein reicht im 21. Jahrhundert nicht mehr aus"


Von Katharina Schmidt

  • Experte für Volksgesetzgebung, Skepsis bei Verfassungsrechtler Funk.

Der Nationalrat - eine exklusive Runde, die geöffnet werden muss, sagt Experte Efler. - apa/Techt

Der Nationalrat - eine exklusive Runde, die geöffnet werden muss, sagt Experte Efler. apa/Techt

Berlin/Wien. Während die Parteien einander mit Vorschlägen für direkte Demokratie überbieten und immer mehr Initiativen wie MeinOe mitmischen wollen, würde nur ein Blick zum großen Nachbarn genügen. In Deutschland gibt es in allen Bundesländern die Möglichkeit zu einer partizipativen Mitbestimmung der Bevölkerung - wenn auch unterschiedlich stark ausgestaltet.

Werbung

Konkret handelt es sich dabei um eine dreistufige Volksgesetzgebung: Jede Gruppe oder Nichtregierungsorganisation kann ein Thema auf den Tisch bringen und dafür Unterschriften sammeln. Findet das Anliegen ausreichend Unterstützer, kann ein Volksbegehren stattfinden. Die Hürden liegen hier je nach Bundesland zwischen 4 und 20 Prozent. Als letzte Stufe gibt es den Volksentscheid: Über den bereits ausformulierten Gesetzesvorschlag wird abgestimmt, das Parlament kann einen Gegenvorschlag vorlegen.

Die Initiative "Mehr Demokratie" fordert ein bundesweit einheitliches System, wie Vorstandssprecher Michael Efler erläutert. Die Gefahr, dass durch mehr direkte Demokratie die Politik ihre ureigenste Aufgabe, nämlich legislativ tätig zu werden, auf die Bevölkerung überwälzt, sieht er nicht. Die Initiative müsse ja aus der Bevölkerung selbst kommen.

Auch will er die repräsentative Demokratie nicht abschaffen - es gehe vielmehr darum, "sie da zu korrigieren, wo sie sich von der Mehrheit der Bevölkerung entfernt." Mit einer Stimmabgabe am Wahltag könne man in Zeiten immer unvorhersehbarer Politik nur noch wenig beeinflussen. "Wählen alleine reicht in einer modernen Demokratie des 21. Jahrhunderts nicht mehr aus", sagt er.

Korrektur für die Politik
Allerdings müsse auch ein Gesetz, das aus der direkten Demokratie heraus entstanden ist, durch das Parlament korrigierbar bleiben. "Wenn ein Gesetz nicht funktioniert, muss es verändert werden können", erläutert Efler. Genauso dürfen Volksentscheide nicht außerhalb der Rechtsordnung getroffen werden: Bestimmte Fragen, über die auch das Parlament nicht oder nicht mit einfacher Mehrheit entscheiden darf, müssten ausgeklammert bleiben - Verfassung, Europarecht oder internationale Rechtsvorschriften. Der FPÖ, die das Volk auch über die Grundlagen der EU abstimmen lassen will, attestiert Efler eine gewisse Naivität.

Generell müssten die Inhalte der Volksbegehren auf ihre Kompatibilität mit der Rechtsordnung geprüft werden, bevor sie zur Abstimmung gelangen. Trotz dieser Einschränkungen glaubt Efler aber fest daran, dass mehr direkte Demokratie automatisch zu mehr Demokratie an sich führt. "Man sollte die Leute nicht für zu leicht manipulierbar oder zu blöd halten", meint der deutsche Experte.

Weniger euphorisch ist da der Wiener Verfassungsrechtler Bernd-Christian Funk. Die bisherigen Vorschläge in diesem Bereich hält er für zu unausgegoren. "Ich habe meine Zweifel, ob Österreich reif dafür ist", betont Funk im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Es fehle die Tradition, manche Parteien könnten ein solches System für ihre Zwecke ausnutzen.

Gefahr für die Regierbarkeit
Und dann "besteht die Gefahr, dass die Regierbarkeit Schaden nimmt" und Dinge zur Abstimmung gebracht werden, die "nicht abstimmungstauglich" sind. Dazu zählt Funk das zuletzt von Verteidigungsminister Norbert Darabos ins Rennen gebrachte Votum über die Abschaffung der Wehrpflicht: "Das Ergebnis wäre abhängig von der jeweiligen Stimmung."

Von allen Varianten für mehr Demokratie hält er die dreistufige Volksgesetzgebung noch für die beste. Auch Nationalratspräsidentin Barbara Prammer hat sich mit ihrem Modell Anleihen bei den Deutschen genommen. Ob das Modell ernsthaft diskutiert wird und nicht wie eine andere Leihgabe (U-Ausschüsse als Minderheitenrecht) in der Schublade liegen bleibt, wird sich weisen.




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-31 18:09:11


Werbung



Beliebte Inhalte



An der Existenz des Bauriesen hängen Tausende Jobs. Die Alpine selbst beschäftigt rund 15.000 Mitarbeiter (zu gleichen Teilen im In- und Ausland). - APAweb/BARBARA GINDL
  • Geschäftsführung strebt Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung an
  • weiter

Csatary soll bei der Deportation von 12.000 Juden eine Schlüsselrolle gespielt haben. - reuters
  • Der heute 98-Jährige lebte 15 Jahre lang unbehelligt in Ungarn.
  • weiter

Dr. Ernest G. Pichlbauer ist unabhängiger Gesundheitsökonom und Publizist.
  • Alle wissen es: Die Ausbildung für Jungärzte - Turnus genannt - ist schlecht. Turnusärzte sind Systemerhalter, mehr nicht...
  • weiter

Neun Menschen erzielen die besten Resultate bei geringstem Aufwand. - corbis
  • Forscher untersuchten das Verhalten von Naturschützern in China.
  • weiter

Bernd Wiegand konnte es nur falsch machen. Er hatte keine andere Chance. Bernd Wiegand - das ist der Oberbürgermeister von Halle an der Saale...weiter

Kindergarten ab eins und Ganztagsschule: für Brandsteidl die beste Lösung. - Radule Bozinovic/KOSMO
  • Stadtschulratspräsidentin hält Trennung von deutsch- und nichtdeutschsprachigen Kindern für wenig sinnvoll.
  • weiter

Veganes Urgestein Chen Huang versorgt Wiens Veganer mit dem Nötigsten. - Mazak
  • Wien ist Stadt mit höchster Dichte an veganen und vegetarischen Restaurants.
  • weiter

Die US-Geheimdienste lesen mit. - © Andrea Danti - Fotolia.com
  • Unter Barack Obama wurde das Programm noch ausgeweitet.
  • weiter





Ein Fahrrad an einer Kreuzung mitten im 9. Bezirk war der etwas ungewöhnliche Rastplatz für ein Bienenvolk.

Guten Tag, Lubango! Der Giraffen-Junge kam am Samstag, 15. Juni, zur Welt. 18.6.2013: Heute herrscht in Österreich wieder Badewetter: Über 35 Grad Celsius werden erwartet.

Kunstraub der anderen Art: Von einer Hauswand  in London ausgemeißelt wurde im Februar das Banksy-Graffitikwerk "Slave Labour". Kurz darauf tauchte es bei einem Auktions-Haus in Miami in Florida wieder auf. Am 2. Juni wiederum wurde es trotz Proteste um 1,1 Millionen Dollar in London versteigert. Das Kulturbild der Woche geht nun für zwei Wochen auf Urlaub und ist am 24.Juni wieder zurück. Ein frömmelnder Heuchler schleicht sich in das Vertrauen eines alten Patriarchen und versucht, sich alles anzueignen, was diesem teuer ist: Frau, Haus und Tochter. Abgespielt hatte sich das Ganze in der Wohnküche eines Landhauses, auf den Brettern des Akademietheaters. Im Bild: Gert Voss (r.) als "Orgon", Edith Clever (m.) als "Dorine" und Adina Vetter als "Marianne".

Werbung