Damaskus. Erstmals seit Beginn der Kämpfe in Syrien ist ein Pilot mit seiner Militärmaschine desertiert. Er setzte sich ins Nachbarland Jordanien ab, wo ihm die Regierung Asyl gewährte. Das Verteidigungsministerium in Damaskus brandmarkte den Piloten als Vaterlandsverräter und forderte von Jordanien die Aushändigung des Kampfjets vom Typ MiG-21. Der spektakuläre Vorfall dürfte nicht nur die Beziehungen der beiden Nachbarn belasten, sondern auch den Rebellen einen Motivationsschub geben, die bereits Tausende Deserteure in ihren Reihen zählen.
"Einer der blutigsten Tage seit dem Beginn der Revolte"
Bei Kämpfen und schweren Zusammenstößen sind in Syrien allein am Donnerstag nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten fast 170 Menschen getötet worden. Der Leiter der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel Rahman, sagte der Nachrichtenagentur AFP, die meisten der Opfer seien Zivilisten gewesen. Es handle sich um den blutigsten Tag seit des theoretischen Inkrafttretens des Waffenstillstands am 12. April und um "einen der blutigsten Tage seit dem Beginn der Revolte" gegen die Regierung.
Die in der syrischen Protesthochburg Homs festsitzenden Zivilisten müssen angesichts anhaltender Gefechte indes weiter ohne Hilfe von außen ausharren. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) sah sich gezwungen, einen geplanten Hilfseinsatz kurzfristig abzublasen, da die Kämpfe trotz einer vereinbarten Feuerpause nicht eingestellt wurden. Die Helfer mussten nach Angaben eines IKRK-Sprechers umdrehen, da geschossen wurde. "Die Armee hat nicht vor, die humanitäre Lage zu entspannen. Sie wollen Homs zerstören." Im Laufe des Donnerstages hätten die Angriffe allerdings nachgelassen, sagte der Bewohner Walid Faris. Alle 30 Minuten gingen etwa ein oder zwei Mörser nieder. "Im Vergleich zu den vergangenen Tagen ist es heute ruhig."
In der Region Homs wurden der Beobachtungsstelle zufolge mindestens 31 Zivilisten getötet, in Daraa starben 24 Zivilisten und in der Rebellenhochburg Duma nahe der Hauptstadt Damaskus 30 Zivilisten. Seit dem Beginn des Aufstands gegen die Regierung von Präsident Bashar al-Assad im März 2011 starben damit bereits mehr als 15.000 Menschen.
Keine Fortschritte bei internationalen Bemühungen um Frieden
Viele Mitglieder der syrischen Armee scheinen vom Blutvergießen jedoch genug zu haben. So desertierte nun erstmals auch ein Militärpilot der Streitkräfte. Er landete mit seinem Flugzeug nach Angaben jordanischer Sicherheitsbehörden auf dem Militärflughafen "König Hussein", rund 80 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Amman. Das syrische Staatsfernsehen meldete, der Kontakt zu dem Flugzeug sei während eines Übungsflugs nahe der Grenze mit Jordanien abgebrochen. Das syrische Verteidigungsministerium kündigte eine harte Bestrafung für den Piloten an.
Trotz der eskalierenden Gewalt kommen die internationalen Bemühungen um eine friedliche Lösung des Syrien-Konflikts nicht voran. Das mit Spannung erwartete Zusammenkommen von US-Präsident Barack Obama und seinem russischen Kollegen Wladimir Putin beim Gipfeltreffen der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G-20) im mexikanischen Los Cabos hatte nicht mehr als eine Bekräftigung bisheriger Positionen ergeben. Russland ist einer der wichtigsten Verbündeten Assads und beliefert ihn unter anderem mit Waffen.