Wien. Als Katie Holmes Ende der 1990er Jahre über die Leiter in Dawsons Jugendzimmer-Idyll schlich, um dort über die Probleme des Erwachsenwerdens zu sinnieren, schien eine steile Karriere vor ihr zu liegen. Holmes war damals die neue, modernere Version des All-American-Dreamgirls. Die von ihr in der Teenager-Erfolgsserie "Dawsons Creek" verkörperte Joey war frisch und bodenständig, gleichzeitig aber auch ein klein wenig tiefsinnig und über den Tellerrand hinausblickend. Dass Holmes damit auch in Hollywood Fuß fassen würde, galt damals eigentlich nur noch als eine Frage der Zeit, und selbst wenn es für die ganz großen Rollen vielleicht nicht reichen würde, als Star einer flockig-leichten Sommerkomödie erschien sie allemal gut genug.

Doch Hollywood kam nicht in Form von Rollenangeboten, sondern in der Gestalt von Tom Cruise. 2006 heiratete Holmes den Superstar und verschwand damit selbst so gut wie von der Bildfläche. Lediglich in den Klatschspalten fand sich die heute 33-Jährige wieder und dann vor allem, wenn es um sündteure Schuhe oder Kleidchen für Töchterchen Suri ging. Cruise, so wird gemunkelt, soll es durchaus recht gewesen sein, dass seine Frau das brave Hausmütterchen gab und sich primär um das gemeinsame Kind kümmerte.
Seit dem Wochenende steht Holmes aber wieder im Rampenlicht. Allerdings geht es auch diesmal weniger um sie selbst und ihre Rollen als um Tom und Suri. Denn dass die 33-Jährige bereits vergangene Woche die Scheidung eingereicht hat, hat laut der US-Promi-Plattform TMZ vor allem damit zu tun, dass Holmes verhindern will, dass Cruise die Sechsjährige nach den Leitlinien der durchaus umstrittenen Scientology-Sekte erzieht.
Der lange Weg zum "Clear"
Cruise gilt nicht nur als das prominenteste Gesicht, sondern auch als Nummer zwei oder drei der Organisation, die seit 1997 in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Und in den vergangenen sechs Ehejahren dürfte Holmes wohl häufig am eigenen Leib erfahren haben, wie stark Scientology Menschen und Beziehungen vereinnahmt und wie wenig Widerspruch dagegen möglich ist.
Im Regelfall werden Kinder von Scientologen ab dem Volksschulalter den gleichen Programmen wie erwachsene Mitglieder unterzogen. Im Zentrum steht dabei das Auditing, das von Sektenexperten und Aussteigern gerne als Gehirnwäsche bezeichnet wird. Mit Hilfe dieser Technik sollen traumatische und unterbewusste Erlebnisse, die sowohl in der Erfahrung des Einzelnen als auch in der gesamten Geschichte der Menschheit begründet liegen, überwunden werden. Ziel ist das "Clear", ein spiritueller Urzustand, frei von allen Sorgen und Nöten. Bei den Sitzungen werden die Teilnehmer an einen sogenannten E-Meter angeschlossen, der im Wesentlichen nichts anderes tut als die elektrische Spannung in den Händen zu messen. Der Auditor soll dadurch allerdings Auskunft über Erinnerungen, Bilder und Blockaden bekommen. Umsonst sind das Seelenheil und die versprochene "totale Freiheit" freilich nicht. Was mit einem kostenlosen Persönlichkeitstest beginnt, endet in immer teurer werdenden Auditings, die notwendig sind, um höhere "Clear"-Stufen zu erreichen.
Als Basis dient Scientology, das sich selbst als Kirche bezeichnet und in den USA auch als solche anerkannt wird, das Werk von L. Ron Hubbard. 1954 veröffentlichte der ehemalige Science-Fiction-Autor das Buch "Dianetik - Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit", in dem er mystische Vorstellungen mit einer laienhaften Form der Psychoanalyse verband und die wesentlichen Ideen von Scientology ausbreitete: der perfekte und von allen Schmerzen befreite Mensch und eine Bewegung, die die Führerschaft in der globalen Gesellschaft anstrebt.
Wenn man Scientology allein als eine Sekte mit kruden Ideen abtun würde, täte man der Organisation mit den gelben Kreuzen allerdings unrecht. Laut den deutschen Verfassungsschützern ist Scientology auch ein Wirtschaftsunternehmen, das das "rücksichtslose Gewinnstreben zur Handlungsmaxime erklärt". Zur Unterwanderung der Wirtschaft bedient sich die Sekte des 1979 gegründeten weltweiten Verbandes "World Institute of Scientology Enterprises" (WISE), das ein ganzes Imperium von Wirtschaftsunternehmen dirigiert.
Dass eine derartige Organisation mit Aussteigern und Abweichlern alles andere als zimperlich umgeht, bekommen nicht nur einfache Mitglieder zu spüren, sondern selbst solche, die so prominent sind wie Katie Holmes. Angeblich wird bereits jeder Schritt der 33-Jährigen von Scientologen verfolgt. Dass selbst eine gewisse Öffentlichkeit nicht schützt, hatte bereits Sam Domingo, Ex-Schwiegertochter von Opernstar Placido Domingo, erfahren müssen. Als sie sich von ihrem ebenfalls als Scientologen tätigen Mann trennte, habe die Organisation ihr und ihren Kindern das Leben zur Hölle gemacht, berichtete die 45-Jährige gegenüber der britischen "Daily Mail". "Alles, was sie über mich und meinen Mann wussten, wurde veröffentlicht."
