Am liebsten sitzt Woody Allen bei Interviews da und sieht dabei aus wie ein Häufchen Elend. Dieser dünne, blasse, alte Mann mit der Hornbrille, zumeist pflegeleicht in Beige-Tönen gekleidet, wirkt immer auch ein bisschen müde. Der 76-jährige Filmemacher, Komödiant, Gag-Schreiber, Drehbuchautor und Schauspieler ist nicht nur ein Meister in den genannten Disziplinen, sondern auch darin, seine eigene Karriere tiefzustapeln, als gäbe es unter ihm nur mehr Ed Wood, den man gemeinhin den schlechtesten Regisseur aller Zeiten nennt.
Auch in seinen Filmen, in denen er mitwirkt, kann man diesen Hang zur Selbst-Bagatellisierung sehen, am besten vielleicht in "Deconstructing Harry" (1997), in dem er einen Schriftsteller mit Schreibblockade spielt, dessen Romanfiguren ihn plötzlich heimsuchen. Harry Block versagt an allen Fronten: Er trinkt, schluckt Pillen, liebt Prostituierte, macht die Geschichten seiner gescheiterten Ehen zu Büchern, kämpft um seinen Sohn, verliert den besten Freund und landet schließlich in der Hölle. Billy Crystal spielt den Teufel.

Allen kokettiert gern mit dem eigenen Scheitern, sei es, um seinen Kritikern nicht allzu viel Wind in den Segeln zu lassen, sei es aus eigener, bitterer Überzeugung: Denn Allen ist ein Bewunderer großer Filmkünstler wie Ingmar Bergman, Fellini oder Antonioni. Seine eigenen Arbeiten in eine Reihe mit diesen Meistern zu stellen, das hat ihm noch nie behagt, aber die Kritiker da draußen tun es immer wieder. Sie sprechen von seinem Meisterwerk, wenn sie über "Manhattan" schreiben, lobten sein Drama "Match Point" über alle Maßen oder überschütteten "Annie Hall" mit Zuneigung.
Ohne Witz und ohne Biss
Doch es gibt auch ein anderes Bild zu Allens filmischem Werk: Da der Komiker mit schöner Regelmäßigkeit jedes Jahr einen Film dreht, finden sich darunter zwangsläufig nicht ausschließlich Meisterwerke. Wenn ein neuer Allen die Erwartungen nicht erfüllt, wird er von der Presse in Grund und Boden geschrieben, wird Allen attestiert, seinen Witz und Biss verloren zu haben und zum alten Eisen zu gehören.
"Es gab viele Höhen und Tiefen in seiner Karriere", sagt Regisseur Robert B. Weide, dessen Doku "Woody Allen - A Documentary" heute, Freitag, in den Kinos anläuft. "Ende der 90er Jahre hatten ihn die meisten Leute schon abgeschrieben, doch dann überraschte er alle mit Match Point. Man dachte, Scarlett Johansson sei der Schlüssel, seine neue Muse. Als er mit ihr im Jahr darauf Scoop drehte, enttäuschte er wieder, der Film floppte. Später brachte ihm Vicky Cristina Barcelona erneut viel Applaus. Danach wieder zwei Filme, die nicht so gut liefen, und schließlich mit Midnight in Paris sein bis dato größter Kassenerfolg."
Das programmierte Scheitern ist letztlich der Grund für Allens emsige Arbeitsweise, wie auch Weide betont: "Woody arbeitet nach folgendem Prinzip: Wenn er kontinuierlich jedes Jahr einen Film macht, wird dann und wann schon einer dabei sein, der ihm wirklich gelingt. Er hat in 43 Jahren 43 Filme gemacht, und selbst wenn dabei nur jeder vierte gut geworden ist, macht das immerhin elf großartige Filme. Welcher andere Filmemacher könnte von sich behaupten, elf großartige Filme gemacht zu haben?"
Kaum ein Filmregisseur wird in der Öffentlichkeit derart über seine Persönlichkeit definiert wie Allen. Die Marke Woody existierte schon in seinen frühen Jahren, als er Gagschreiber für Zeitungen war oder ab 1960 als Stand-up-Comedian arbeitete. Die Leute fanden ihn witzig, wollten mehr von ihm sehen, und Allen wurde zum Stammgast in landesweiten TV-Shows. Allein: Er selbst konnte nie über sich lachen, wie er Robert B. Weide verriet: "Einige Stand-up-Witze, die ich in der Doku verwendete, ließ er wieder entfernen, denn er war niemals wirklich glücklich mit seinen Witzen. Alle fanden ihn großartig als Komiker, außer er selbst. Außerdem wollte er keine Interviews, in denen ihn jemand ein Genie oder den größten Filmemacher aller Zeiten nannte. Das fand er zum Kotzen, das musste raus."
"Ich bin kein Genie, ich hatte höchstens Glück", sagt Allen. "Es ist immer wieder eine Enttäuschung, denn kein Film ist jemals das Werk, das man sich erträumt hatte. Ich sehe darin immer eine Million Fehler."
Das Logo trägt er im Gesicht
Allen werkt konsequent an diesem öffentlichen Bild des launig-launischen intellektuellen Stadtneurotikers, der an sich selbst und der Welt verzweifelt, wie viele seiner Filmfiguren auch. Zwar betonte Allen stets, dass keine seiner Alter Egos auf der Leinwand etwas mit ihm selbst zu tun hätten, jedoch ist die Weise, wie Allen auch in Interviews auftritt, kaum von den Rollen, die er spielte, zu unterscheiden.
Allen hat sich durch seine Selbstvermarktung zum wahrscheinlich bekanntesten US-Regisseur der Gegenwart gemacht. Klar gibt es noch andere, die ihm das Wasser reichen können, in puncto Bekanntheit oder Publicity. Steven Spielberg wurde bis weit in die 90er Jahre als Wunderkind bezeichnet und bleibt wohl lebenslang mit Haien, Außerirdischen und Dinosauriern assoziiert. Quentin Tarantino ist auch eine Trademark, über die sich alle denkbaren Trash-Produkte vermarkten ließen. Aber die Hornbrille von Woody Allen schlägt sie alle, weshalb sie auch das einzige Motiv auf dem Filmplakat zur Doku "Woody Allen - A Documentary" ist. Sie ist wie ein Logo, von dem man unverkennbar weiß, wofür es steht. Das wussten auch Allens langjährige Produzenten Charles H. Joffe und Jack Rollins, die rund um Allen stetig die Marke des schüchternen Intellektuellen aufbauten.