
Wien. Wie man ein Konzert beginnt, erklärt Bruce Springsteen im Wiener Ernst-Happel-Stadion so - erstens: Wir haben keine Zeit zu verlieren. Verschwenden wir sie! Zweitens: Das ganze Lichtshow-Gezeter und Gebietsmarkierungs-Gehabe mag bei den Spielbuben von U2 ja ganz lustig sein. Wer etwas zu sagen hat - man denke etwa auch an den Papst! -, darf hingegen hübsch gemächlich auf eine Bühne spazieren, die auch in ihrer Leuchtkörperbestückung vergleichsweise an die handelsübliche Maturaballvariante erinnert. Drittens: Du hast eine Botschaft? Tue sie kund!
Mit dieser Erfolgsformel also versetzt Bruce Springsteen ein mit ihm gealtertes Publikum in kindliche Aufregung. Und er gibt die Stoßrichtung mit "We Take Care Of Our Own" und vor allem "Wrecking Ball" vom gleichnamigen aktuellen Album unter stürmischem Jubel von nicht weniger als 51.000 Konzertgängern vor. Bruce Springsteen, die stimmenstärkste Arbeitnehmervertretung der Welt, singt das Lied vom kleinen Mann zur Zeit der großen Krise. Entsprechend zügig werden unter der brüderlich rot-weiß-rot und star-spangled beflaggten Bühne die ersten Durchhalteparolen gereicht. Springsteen, mit 62 Jahren fit wie eh und je, mit in den Himmel erhobenen Händen, während die Basstrommel vier mitreißende Viertel klopft und Bläser, Chor und Geige jenes Pathos befeuern, ohne das Springsteen undenkbar wäre: "Hold tight to your anger, and dont fall to your fear!"

"The banker man grows fatter, the working man grows thin", wird es später noch heißen, wobei Springsteen an die Wiederholung der ewig gleichen Systemfehler erinnert. In "Death To My Hometown" bringt kein Krieg und keine Naturkatastrophe das Verderben in die Stadt, sondern die Gier der Spekulanten. Und auch in "Shackled And Drawn" muss die Arbeiternehmerschaft dafür bezahlen, dass die sogenannten Leistungsträger wieder einmal alles verkehrt gemacht haben.
Springsteens Lösungsansätze sind mindestens so amerikanisch wie er selbst. "You know we got to pray together!" Die unbedingte Haltung, sich allen Scherereien zum Trotz nicht unterkriegen zu lassen, der Lebensbewältigungsmodus des "Jetzt erst recht" und des "Euch werden wir es zeigen" aber mischen Trost, Erbauung und bald auch Zuversicht in den Ärger. Was man sich vorstellen kann, das kann man auch bauen. Und so verteilt Springsteen Freikarten für die Bimmelbahn ins "Land Of Hope And Dreams", wenn er nicht gerade an den "Jack Of All Trades" in uns appelliert, wieder in die Hände zu spucken. Aus den Krisengebeutelten entsteht ein Heer der Krisenbeutler, das unter Anführerschaft Seiner Hemdsärmeligkeit wieder ins Morgen blickt.
Hungrige Herzen
Begünstigt wird der Aufbruch vom nie subtilen Spiel der E Street Band, die ihr übliches Zu-viel-von-allem als Soundbrei unter das Blechdach böllert. Jake Clemons macht es seinem im Vorjahr verstorbenen und im Zugabenteil gewürdigten Onkel mit Dauersoli am Saxofon gleich. Bei Springsteen seit seinem Post-9/11-Album "The Rising" beliebte Gospelchöre befördern dazu jene Ergriffenheit, die unter Männergruppen für feuchte Augen und die Hoffnung sorgt, dafür im Regen eine Ausrede zu finden.
Springsteen selbst bremst das Tempo bald ab und erfüllt Songwünsche aus dem Publikum durchaus mit Raritäten. Er beschwört die Geister da draußen und lädt mit dem orgelbestimmten "Spirit In The Night" zur Soulmesse, ehe "Because The Night" an ein weiteres zentrales Thema erinnert: Das Leben mag kalt sein und dunkel - zwei Liebende aber können immer ein Feuer entfachen.
Springsteen gibt "Tougher Than The Rest" allein am Klavier, beschenkt sein Publikum mit dem herzerweiternden Radiopop von "Waitin On A Sunny Day" und sorgt mit den Zugaben für einen selbst nach über drei Stunden nicht enden wollenden Abend: "Born In The U.S.A.", "Born To Run", "Glory Days", "Hungry Heart", und, und, und. Noch fünf Sprints über die Bühne, das nächste Kind aus dem Publikum singen lassen, noch einmal Händeschütteln am Bühnenrand, bis alle glücklich sind.
Während der U2-bedingt angenehmen Heimreise ist klar: Ähnliche Triumphe sind selten. Bruce Springsteen ist der Boss - und das nicht von ungefähr.
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