• vom 13.07.2012, 15:07 Uhr

Top News

Update: 13.07.2012, 16:10 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (10)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Vom Zorn zur Erbauung

Der Krisenbeutler


Von Andreas Rauschal

  • Bruce Springsteen im Wiener Ernst-Happel-Stadion

Bruce Springsteen in Wien: Wut, Zorn, Ärger - aber auch Erbauung und Zuversicht. ...

Bruce Springsteen in Wien: Wut, Zorn, Ärger - aber auch Erbauung und Zuversicht. ...APAweb / Techt Bruce Springsteen in Wien: Wut, Zorn, Ärger - aber auch Erbauung und Zuversicht. ...APAweb / Techt

Wien. Wie man ein Konzert beginnt, erklärt Bruce Springsteen im Wiener Ernst-Happel-Stadion so - erstens: Wir haben keine Zeit zu verlieren. Verschwenden wir sie! Zweitens: Das ganze Lichtshow-Gezeter und Gebietsmarkierungs-Gehabe mag bei den Spielbuben von U2 ja ganz lustig sein. Wer etwas zu sagen hat - man denke etwa auch an den Papst! -, darf hingegen hübsch gemächlich auf eine Bühne spazieren, die auch in ihrer Leuchtkörperbestückung vergleichsweise an die handelsübliche Maturaballvariante erinnert. Drittens: Du hast eine Botschaft? Tue sie kund!

Werbung

Mit dieser Erfolgsformel also versetzt Bruce Springsteen ein mit ihm gealtertes Publikum in kindliche Aufregung. Und er gibt die Stoßrichtung mit "We Take Care Of Our Own" und vor allem "Wrecking Ball" vom gleichnamigen aktuellen Album unter stürmischem Jubel von nicht weniger als 51.000 Konzertgängern vor. Bruce Springsteen, die stimmenstärkste Arbeitnehmervertretung der Welt, singt das Lied vom kleinen Mann zur Zeit der großen Krise. Entsprechend zügig werden unter der brüderlich rot-weiß-rot und star-spangled beflaggten Bühne die ersten Durchhalteparolen gereicht. Springsteen, mit 62 Jahren fit wie eh und je, mit in den Himmel erhobenen Händen, während die Basstrommel vier mitreißende Viertel klopft und Bläser, Chor und Geige jenes Pathos befeuern, ohne das Springsteen undenkbar wäre: "Hold tight to your anger, and don’t fall to your fear!"

Information

Rockkonzert
Bruce Springsteen
Ernst-Happel-Stadion

... Nach dreieinhalb Stunden war alles wieder gut.

... Nach dreieinhalb Stunden war alles wieder gut.© APA/HANS KLAUS TECHT ... Nach dreieinhalb Stunden war alles wieder gut.© APA/HANS KLAUS TECHT

"The banker man grows fatter, the working man grows thin", wird es später noch heißen, wobei Springsteen an die Wiederholung der ewig gleichen Systemfehler erinnert. In "Death To My Hometown" bringt kein Krieg und keine Naturkatastrophe das Verderben in die Stadt, sondern die Gier der Spekulanten. Und auch in "Shackled And Drawn" muss die Arbeiternehmerschaft dafür bezahlen, dass die sogenannten Leistungsträger wieder einmal alles verkehrt gemacht haben.

Springsteens Lösungsansätze sind mindestens so amerikanisch wie er selbst. "You know we got to pray together!" Die unbedingte Haltung, sich allen Scherereien zum Trotz nicht unterkriegen zu lassen, der Lebensbewältigungsmodus des "Jetzt erst recht" und des "Euch werden wir es zeigen" aber mischen Trost, Erbauung und bald auch Zuversicht in den Ärger. Was man sich vorstellen kann, das kann man auch bauen. Und so verteilt Springsteen Freikarten für die Bimmelbahn ins "Land Of Hope And Dreams", wenn er nicht gerade an den "Jack Of All Trades" in uns appelliert, wieder in die Hände zu spucken. Aus den Krisengebeutelten entsteht ein Heer der Krisenbeutler, das unter Anführerschaft Seiner Hemdsärmeligkeit wieder ins Morgen blickt.

Hungrige Herzen
Begünstigt wird der Aufbruch vom nie subtilen Spiel der E Street Band, die ihr übliches Zu-viel-von-allem als Soundbrei unter das Blechdach böllert. Jake Clemons macht es seinem im Vorjahr verstorbenen und im Zugabenteil gewürdigten Onkel mit Dauersoli am Saxofon gleich. Bei Springsteen seit seinem Post-9/11-Album "The Rising" beliebte Gospelchöre befördern dazu jene Ergriffenheit, die unter Männergruppen für feuchte Augen und die Hoffnung sorgt, dafür im Regen eine Ausrede zu finden.

Springsteen selbst bremst das Tempo bald ab und erfüllt Songwünsche aus dem Publikum durchaus mit Raritäten. Er beschwört die Geister da draußen und lädt mit dem orgelbestimmten "Spirit In The Night" zur Soulmesse, ehe "Because The Night" an ein weiteres zentrales Thema erinnert: Das Leben mag kalt sein und dunkel - zwei Liebende aber können immer ein Feuer entfachen.

Springsteen gibt "Tougher Than The Rest" allein am Klavier, beschenkt sein Publikum mit dem herzerweiternden Radiopop von "Waitin On A Sunny Day" und sorgt mit den Zugaben für einen selbst nach über drei Stunden nicht enden wollenden Abend: "Born In The U.S.A.", "Born To Run", "Glory Days", "Hungry Heart", und, und, und. Noch fünf Sprints über die Bühne, das nächste Kind aus dem Publikum singen lassen, noch einmal Händeschütteln am Bühnenrand, bis alle glücklich sind.

Während der U2-bedingt angenehmen Heimreise ist klar: Ähnliche Triumphe sind selten. Bruce Springsteen ist der Boss - und das nicht von ungefähr.


Video auf YouTube





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-07-13 15:14:06
Letzte Änderung am 2012-07-13 16:10:00


Werbung



Beliebte Inhalte



Wenn Eis taut, dann ändert sich die physikalische Ordnung der Materie. - corbis
  • Das Modell ist auf viele, unterschiedlichste Systeme anwendbar.
  • weiter

In Syrien gefallener Hisbollah- Kämpfer wird im Libanon zu Grabe getragen. - reuters
  • Aufhebung des Waffen-Embargos für Syrien: EU streitet, Faymann droht.
  • weiter

  • Neue Regierung will Verhandlungen mit Brüssel nicht fortsetzen.
  • weiter

Ein Plakat zeigt Mohammed Assaf, der Star der Talentshow "Arab Idol" in West Bank bei Ramallah. - Reuters / Mohamad Torokman
  • Sänger Assaf feiert Erfolge in gesamtarabischer Castingshow
  • weiter

"Bevor uns das Rohöl ausgeht, geht uns das Wasser aus" , ist Brabeck-Letmathe überzeugt. - dpa
  • Spitzenmanager über Europas Defizite und emotionale Debatten.
  • weiter

Haben die Wiener Senioren mehr Weitblick als die eigene Partei? - Rösner
  • Die "rote Basis" macht Urlaub - und schimpft über die (grüne) Stadtpolitik.
  • weiter

Schütze Bosko Rasovic trainiert fünfmal pro Woche. S. Jenis
  • Rund 24.000 Wiener haben eine Waffenbesitzkarte.
  • weiter

Reinhard Göweil Die fünf Agrarkonzerne Monsanto, Pioneer, Syngenta, Limagrain und Bayer kontrollieren weltweit zirka 63 Prozent des Saatguts...weiter





Nach Sony (PlayStaion 4) und Nintendo (WiiU) hat nun auch Microsoft seine Vision der zukünftigen Spielkonsolenwelt vorgestellt. Kinect Group Program Manager Scott Evans demonstrierte bei der Präsentation der "Xbox One" gleich einmal den neuen Kinect-Sensor, der nun nicht mehr als Zubehör erhältlich sein wird, sondern fix im Lieferumfang enthalten sein wird.

Mailands "neubabylonischer" Hauptbahhnhof Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York. Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen:

Werbung