Damaskus/Beirut/New York. Der Angriff auf das syrische Dorf Tremseh am vergangenen Donnerstag galt nach Ansicht der UNO-Beobachter wohl vor allem Gegnern des Assad-Regimes. Allem Anschein nach seien vor allem Häuser von "Deserteuren und Aktivisten" attackiert worden, erklärte eine UN-Sprecherin nach einem Besuch von Beobachtern in Tremseh. Die syrische Regierung wies den Vorwurf zurück, dort Panzer, Artillerie und Helikopter eingesetzt zu haben.
Bei den Kämpfen um die mehrheitlich sunnitische Kleinstadt im Westen der Provinz Hama seien am Donnerstag zahlreiche Waffentypen eingesetzt worden, darunter Artillerie, Granatwerfer und leichte Schusswaffen, erklärte UN-Sprecherin Sausan Ghosheh. Ein Schulgebäude sei ausgebrannt und fünf weitere Häuser durch Brände beschädigt worden. "Es gab Blutlachen und Blutflecken in den Räumen mehrerer Häuser sowie Patronenhülsen", sagte die Sprecherin.
Zahl der Toten weiter unklar

Mit der Einschätzung, dass sich die Angriffe gezielt gegen Aufständische gerichtet hätten, widersprach Ghosheh der Darstellung der Opposition, wonach die Armee die Kleinstadt wahllos bombardierte und fliehende Zivilisten erschoss. Die Beobachter sollten am Sonntag zu weiteren Erkundungen nach Tremseh zurückkehren. Nach Angaben der Beobachter war die Zahl der Toten noch unklar.
Syriens Außenamtssprecher Jihad Makdissi wies den Vorwurf zurück, die Armee habe in Tremseh Panzer, Helikopter und Artillerie eingesetzt. Es seien nur Truppentransporter und leichte Waffen benutzt worden, sagte der Sprecher. Er wies auch erneut den Vorwurf der Opposition zurück, in dem Ort sei ein Massaker verübt worden. "Es war kein Angriff der Armee auf Zivilisten, sondern Kämpfe zwischen der regulären Armee und bewaffneten Gruppen."
Unter Berufung auf eine anonyme Quelle, die bei der Beisetzung der Toten in Tremseh zugegen gewesen sei, sagte Makdissi, es seien 37 Bewaffnete und zwei Zivilisten getötet worden. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte hatte dagegen die Opferzahl mit mindestens 150 Toten angegeben, darunter zahlreiche Aufständische. Damit wäre es das blutigste Massaker seit Beginn des Aufstands gegen Staatschef Bashar al-Assad im März 2011.
Weiter Gewalt
Die Gewalt hielt unterdessen unvermindert an. Armee und Milizen stürmten laut Aktivisten am Samstag die Ortschaft Cherbet Ghasale in der südlichen Provinz Daraa. Westlich der nordsyrischen Stadt Aleppo waren am Samstagabend über sechs Stunden Explosionen und Schüsse zu hören. Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden am Samstag 115 Menschen getötet, unter ihnen 50 Zivilisten. Am Sonntag starben 15 weitere Menschen.
"Lizenz für weitere Massaker"
UN-Generalsekretär Ban Ki-moon forderte Peking bei einem Telefongespräch mit dem chinesischen Außenminister Yang Jiechi auf, seinen Einfluss zur Umsetzung des Friedensplans des Sondergesandten Kofi Annan einzusetzen. Ban hatte zuvor gewarnt, sollte der UN-Sicherheitsrat den Druck auf die Führung in Damaskus nicht erhöhen, wäre dies eine "Lizenz für weitere Massaker". China und Russland haben bisher im Sicherheitsrat jede Androhung von Sanktionen verhindert. Ban reist in den kommenden Tagen nach China, während Annan am Montag in Moskau erwartet wird.
Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton sieht in dem Einsatz schwerer Waffen und von Helikoptern einen "eklatanten Verstoß" des Regimes gegen die Vereinbarungen des Friedensplans von Sondervermittler Kofi Annan.
Chemiewaffen Richtung Homs unterwegs?
Der britische Sender Sky News hatte am Samstag unter Berufung auf britische Geheimdienstmitarbeiter berichtet, syrische Streitkräfte hätten Chemiewaffen nach Homs transportiert, das zu weiten Teilen von Rebellen kontrolliert wird. Nach früheren Angaben des "Wall Street Journal" wurde in Syrien damit begonnen, Chemiewaffen aus den Lagern zu holen. Damaskus besitze größere Mengen des Nervenkampfstoffes Sarin und Senfgas.