Washington. (rs) Es ist einmal mehr eine kleine blaue Pille, die eine Revolution verspricht. Knapp 15 Jahre, nachdem der US-Pharmakonzern Pfizer Viagra auf den Markt brachte und damit das Sexleben von Millionen Männern wieder einrenkte, hat die US-Arzneimittelaufsicht FDA nun ein Medikament zugelassen, das einen ähnlichen Paradigmenwechsel bei der Bekämpfung von Aids bedeuten könnte.

Truvada ermöglicht zwar keine Heilung der tödlichen Immunschwächekrankheit, doch das Medikament stellt den ersten echten Erfolg in der nun schon mehr als zwei Jahrzehnte dauernden und von vielen Rückschlägen geprägten Suche nach einer wirksamen medikamentösen Prophylaxe dar. Der andere große Hoffnungsträger, ein Vaginalgel, das bei ersten Tests noch gute Ergebnisse erzielte, hatte sich erst Ende 2011 als letztlich doch wirkungslos entpuppt.
Zum Einsatz kommen soll Truvada nach Willen der FDA primär in Beziehungen, in denen einer der Partner das HI-Virus in sich trägt und der andere einer dementsprechend hohen Ansteckungsgefahr unterliegt. Allerdings können sich auch Menschen, die sich anderweitig einem hohen Risiko ausgesetzt sehen, Truvada verschreiben lassen.
In den vergangenen Jahren hatte die Anti-Aids-Pille in mehreren klinischen Studien überzeugt. Bei gesunden homosexuellen Männern konnte die regelmäßige Einnahme von Truvada das Ansteckungsrisiko um 44 Prozent senken. Noch viel ausgeprägter sind die Erfolge bei heterosexuellen Paaren, bei denen einer der Partner das HI-Virus in sich trägt. Laut einer in Kenia durchgeführten Untersuchung liegt das Risiko sich anzustecken für den gesunden Teil um 63 Prozent niedriger, mit der Kombination eines weiteren Medikaments lassen sich die Werte sogar auf 75 Prozent steigern. Allerdings muss Truvada, das bereits seit 2004 zur Behandlung von Aids-Kranken eingesetzt wird und zu diesem Zweck auch in der EU zugelassen ist, verlässlich Tag für Tag eingenommen werden. Wer hin und wieder auf die von Gilead Sciences hergestellte Anti-Aids-Pille vergisst, reduziert die Schutzwirkung rasch einmal um die Hälfte. Nicht zuletzt auch deswegen hat die FDA, die mit ihrer Entscheidung der Empfehlung eines Expertenausschusses gefolgt war, in ihrem Zulassungsbescheid auch explizit darauf hingewiesen, dass die Einahme der blauen Tabletten nicht den zusätzlichen Schutz durch ein Kondom ersetzen kann. Wer Truvada verschrieben bekommt, soll zudem in ein umfassendes HIV-Präventionsprogramm eingebunden werden.
Trügerische Sicherheit
Angesichts der hohen Wirksamkeit in den Studien wird Truvada von Gesundheitspolitikern und Ärzten in den USA schon jetzt als Meilenstein in der Aids-Bekämpfung gefeiert. "Die bisherigen Maßnahmen konnten die Zahl der Neuinfektionen nicht senken und daher brauchen wir neue Maßnahmen", ist John Mellors, Vorstand der Abteilung für Infektionskrankheiten an der Uni Pittsburgh überzeugt. "Wenn man Truvada richtig nimmt, funktioniert es."
Wie dringend eine effektive Aids-Prophylaxe in den USA gebraucht wird, zeigt ein Blick auf die Statistik. 1,2 Millionen Amerikaner sind HIV-positiv, und während die Zahl der Neuansteckungen global sinkt, liegt sie in den USA seit fast zwei Jahrzehnten beharrlich bei 50.000. Bei Homosexuellen ist sie seit Mitte der 90er Jahre sogar wieder spürbar angestiegen, vor allem auch weil das Kondom nach dem Schrecken der ersten Aids-Jahre wieder zunehmend unbeliebt wird.
Doch von ungeteilter Zustimmung ist Truvada trotz dieser Datenlage weit entfernt. Während die einen von einem entscheidenden Durchbruch sprechen, sehen die anderen den Beginn einer unkontrollierbaren Entwicklung. Befürchtet wird von den Kritikern, dass die Pille den Patienten ein trügerisches Gefühl der Sicherheit vermittelt und riskantes Verhalten fördert. Vielfach ist schon die Rede von einem Lifestyle- und Party-Medikament, das von allzu arglosen Nutzern nicht täglich eingenommen wird, sondern nur dann, wenn es unmittelbar zur Sache geht. Und diese Nutzergruppe könnte aufgrund des scheinbar vorhandenen Schutzes auf konventionelle Vorbeugungsmaßnahmen wie Kondome verzichten. Kritik entzündet sich aber nicht nur am trügerischen Sicherheitsgefühl oder der nicht auszuschließenden Schaffung resistenter Virustypen. Wieder einmal geht es auch ums Geld. Die Versorgung mit Truvada, die wohl auch stark durch Zuschüsse gestützt werden wird, kostet 11.000 Dollar pro Patient und Jahr. Mit dieser Summe könnten im selben Zeitraum 20 HIV-Patienten behandelt werden.
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