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Update: 18.07.2012, 11:32 Uhr
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EU-Beitritt wieder fraglich

Isländer sehen Europa als "brennendes Hotel"


Von Thomas Borchert (dpa)

  • Reykjaviks zieht im nächsten Jahr wahrscheinlich das Beitrittsgesuch zurück.

Islands Premierministerin Johanna Sigurdardottir zu Besuch bei Angela Merkel: Islands Sozialdemokraten sind die letzten, die auf der Insel noch an die EU glauben. - APAweb / EPA / Jens Büttner

Islands Premierministerin Johanna Sigurdardottir zu Besuch bei Angela Merkel: Islands Sozialdemokraten sind die letzten, die auf der Insel noch an die EU glauben. APAweb / EPA / Jens Büttner

Reykjavik. Weniger als zwei Jahre nach Beginn von EU-Beitrittsverhandlungen rudern die Isländer kräftig zurück und könnten bald auch offiziell wieder Kurs weg von Brüssel nehmen. "Wer möchte sich schon in einem brennenden Hotel einmieten?" fragte die populäre TV-Moderatorin und zeitweilige Präsidentschaftskandidatin Thóra Anórsdóttir jüngst und drückte damit das Grundgefühl der meisten ihrer Landsleute aus.

Sieger bei der Direktwahl Ende Juni wurde dann der bisherige Präsident Ólafur Ragnar Grímsson, der den Widerstand gegen eine EU-Mitgliedschaft ins Zentrum seiner Kampagne gestellt hatte. Beide zusammen kamen auf 85 Prozent der Stimmen. Bei den Parlamentswahlen im nächsten Frühjahr erwarten Beobachter in Reykjavik vielleicht schon den endgültigen Todesstoß für die EU-Pläne der sozialdemokratischen Regierungschefin Jóhanna Sigurdardóttir.

"Die Konservativen liegen haushoch vorn und dürften nach einem Wahlsieg Islands Beitrittsgesuch wohl schlicht zurückziehen", sagt die Politikwissenschaftlerin Stefania Oskarsdóttir. Schon jetzt muss Sigurdardóttirs Partei im ältesten Parlament der Welt, dem "Althing", mutterseelenallein für die EU-Mitgliedschaft argumentieren.

Wirtschaftsminister Steingrímur Sigfússon vom linksgrünen Koalitionspartner hat offen erklärt, dass auch er eine Rücknahme des Beitrittsgesuchs für "denkbar" halte. Seine Partei möchte wiedergewählt werden und kennt die Umfragen mit massivem Übergewicht unter den 320 000 Isländern gegen die EU-Mitgliedschaft.

Außenminister Össur Skarphédinsson von den Sozialdemokraten meinte Ende Juni in Brüssel tapfer, er spüre "zunehmendes Verständnis zwischen Island und Europa" bei den durchaus flüssig laufenden Beitrittsverhandlungen. Aber das war vor dem jetzt in der zweiten Jahreshälfte anstehenden Tauziehen über die Integration des Beitrittskandidaten in den gemeinsamen Fischereimarkt. Die völlige Selbstbestimmung über die eigene 200-Meilen-Fischereizone gilt den meisten Isländern nach wie vor als beste kollektive "Lebensversicherung".

Anders sah es nur kurz aus, als der Euro den Bürgern 2008 nach dem katastrophalen Banken-Kollaps auf der Atlantikinsel wie der rettende Hafen nach dem Sturm auf hoher See erschien. Wie soll die winzige Landeswährung Krone allein in der globalisierten Finanzwelt überleben können, fragte die Ministerpräsidentin und verwies auf den Kurssturz der Krone von zeitweise 75 Prozent bei astronomisch hohen Zinsen.

Inzwischen aber hat gerade die massive Abwertung der eigenen Währung der Fischerei und dem Tourismus, Islands wichtigstem Erwerbszweigen, wieder auf die Beine geholfen: Sie sind für Auslands-Kunden viel billiger und attraktiver geworden. Umgekehrt eilt die EU von Finanzkrise zu Finanzkrise in zunehmend beängstigenderen Dimensionen. Der "Hafen" wirkt nicht mehr so sicher.

"Da bin ich doch schon sehr zuversichtlich, dass nichts wird aus dem Beitritt", sagt der Fischerei-Manager Kristjan G. Joakimsson in Ísafjördur. Seine Familie gehört zu den zehn größten Besitzern von Fischfangrechten und damit zur vielleicht immer noch einflussreichsten Bevölkerungsgruppe bei den Wikinger-Nachfahren.




Schlagwörter

Krise, Europa, EU, EU-Beitritt, Island

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-07-18 11:28:30
Letzte Änderung am 2012-07-18 11:32:17


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