
"Wiener Zeitung": Der Kautschukzapfer Chico Mendes wurde 1988 in Brasilien von Großgrundbesitzern ermordet, da er sich für die Erhaltung der Wälder einsetzte. Im Juli dieses Jahres sind bei Protesten gegen das Schweizer Bergbauunternehmen XStrata in Peru fünf Menschen getötet worden, weil sie gegen die Verschmutzung der Flüsse mobilmachten. Sie stehen dem EU-Projekt Ejolt vor, das Umweltkonflikte dokumentieren will. Hat sich denn seit Chico Mendes nichts geändert?
Joan Martinez-Alier: In Brasilien werden jedes Jahr zwischen 30 und 40 Indigene und Kleinbauern von - zumeist - brasilianischen Konzernen umgebracht. Sie sterben, weil sie sich der Abholzung und Umweltverschmutzung in den Weg stellen. Sie wollen zwar das Gebiet nicht unbedingt konservieren, aber weiterhin für ihre Klein- und Subsistenzwirtschaft das Auslangen finden. Die Konzerne verfolgen einen anderen Plan. Unsere Wirtschaft braucht immer mehr Rohstoffe, und die kommen zum Gutteil aus dem globalen Süden. Wenn man sich Lateinamerika und Afrika zusammen ansieht, sieht man deutlich, dass noch nie so viel Tonnen Material exportiert worden sind wie heute. In Wahrheit war die industrialisierte Welt noch nie so abhängig wie jetzt von den sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern. Soja aus Brasilien auf Kosten der Entwaldung. Eisenerz aus Brasilien. Aluminium auch aus Brasilien. Kupfer aus Peru oder Argentinien. Ich weiß zwar nicht, für was man Gold genau braucht, aber auch das findet viele Abnehmer.
Von welchen Mengen reden wir?
In Europa wird pro Kopf im Durchschnitt vier Tonnen Material im Jahr importiert. Im Unterschied zu Südamerika: Die exportieren jährlich sechs Tonnen pro Person und importieren eine Tonne. Afrika macht gerade eine ähnliche Entwicklung bei Gold und Rohöl durch.
Manche argumentieren, Lateinamerika braucht den Rohstoff-Export. Schließlich gibt es dafür Geld für die Entwicklung des jeweiligen Landes.
In der Forschung nennt man dieses Geschäft inzwischen den ökologisch ungleichen Handel. Die Preise sind zu billig angesetzt, unter anderem, weil sie die Passiva der Umwelt, die Umweltschäden, nicht einbeziehen. Zum Beispiel Xstrata: Die Konflikte, die Xstrata in Peru und auch in Argentinien ausgelöst hat, laufen alle auf das Gleiche hinaus: Xstrata verschmutzt, aber zahlt nicht. Die Verschmutzungen werden nicht in seiner Buchhaltung aufgeführt. Kupfer wird zu einem - für das Land - zu billigen Preis verkauft.
Die Konservierung der Natur wird ein immer größeres Thema in Lateinamerika. In Ecuador wurde 2008 das indigene Konzept des Buen Vivir, des Guten Lebens, in die Verfassung gehievt, quasi als Soll-Bestimmung, dass die Natur nicht mehr rücksichtlos ausgebeutet werden soll. Gleichzeitig wurde die Natur zu einem Rechtssubjekt: Die Rechte der Natur sind - global einzigartig - in der Verfassung verankert. Und das in Ecuador, einem Mitglied der Opec (Organisation erdölfördernder Staaten)! Die neue Verfassung hat dementsprechend wenig Auswirkungen auf die wirtschaftliche Haltung gehabt.
Ein bisschen Umdenken hat stattgefunden. Beispielsweise wurde ein Prozess im Süden Ecuadors geführt, wo jemand tatsächlich den Artikel 71 (Recht der Natur) der Verfassung angerufen hat, um den Bau einer Straße zu verhindern. Da wurde dann das Recht der Natur zum ersten und bisher einzigen Mal angerufen, nicht um Umweltschäden mit Geld zu tilgen, sondern um die Schäden erst gar nicht entstehen zu lassen - eine Unterlassungsklage. Oder, auch in Ecuador, das Projekt Yasuni ITT: Wo man 2007 vorgeschlagen hat, dass im Nationalpark das Erdöl im Boden bleibt und dafür Geld von der internationalen Gemeinschaft bekommt - und zwar die Hälfte von dem, was diese Menge an Erdöl auf dem Weltmarkt ausmachen würde.
Gefordert werden rund 7 Milliarden Dollar. Bis jetzt wurden nur 100 Millionen eingezahlt.
Dass die Initiative langsam vorangeht, stimmt. Aber sie funktioniert insofern, als bis jetzt das Erdöl noch im Boden geblieben ist. Die Frage ist eben, wie lange. Mit ein Grund, warum bisher so wenig Geld floss, war, dass der deutsche Entwicklungsminister Dirk Niebel das Projekt boykottiert hat. Und dann ist die Finanzkrise dazwischen gekommen und die ganze Welt will nun Geld von Deutschland haben. Ich glaube persönlich, es ist besser, Geld für das Yasuni-Projekt herzugeben, als das Geld für die spanische Bankenrettung auszugeben (Deutschland beteiligt sich bei den spanischen Banken mit bis zu 29 Millionen Euro, Anm.) Die Banken haben sich durch ihr eigenes Handeln hineinmanövriert.
Eine gewagte Position für einen Spanier wie Sie selbst.
Man bräuchte eine Stundung eines Teiles der Schulden in Spanien und Italien. Selbst die Lösungen, die jetzt gesucht werden, bringen nur mehr von Demselben: Das vorherrschende Denken ist, dass wenn die Finanzwirtschaft wieder wächst, folgt der produktive Sektor. Aber die Realwirtschaft kann nicht mehr folgen, das Einzige, was die Realwirtschaft noch im großen Stil produziert, ist der Klimawandel und die Vernichtung des Erdöls. Blöderweise braucht man in unserem Wirtschaftsmodell Wachstum, um die Schulden zu zahlen. Die reichsten Staaten - die USA und Japan - haben die größten Schulden. Man muss die Wirtschaft umstellen, dass man von diesem Wachstums-Optimismus wegkommt.