Washington. (rs) Als Son Nghiem vom Jet Propulsion Laboratory die Daten zum ersten Mal sah, wollte er zunächst seinen Augen nicht trauen. Zu unglaublich erschien dem Nasa-Forscher, was er auf seinem Computer vor sich sah. Doch nach der Konsultation mehrerer anderer Wissenschaftler war klar, dass es sich nicht um einen Daten- oder Aufzeichnungsfehler handelte, sondern um ein ganz und gar reales Phänomen: Innerhalb von nur vier Tagen im Juli war fast die gesamte Eisdecke in Grönland angetaut. Selbst an der Summit Station, die 3200 Meter über dem Meer und damit nahe am höchsten Punkt Grönlands liegt, wurde eine Schmelze registriert.
An und für sich ist das Antauen großer Flächen im Sommer nicht ungewöhnlich, doch im Durchschnitt schmilzt das Eis nur auf der Hälfte der Oberfläche Grönlands. Dass fast die gesamte Eisdecke betroffen ist, kam in den mehr als 30 Jahren, seitdem Wetter- und Klimasatelliten die Erde umkreisen, nicht vor. Überrascht hat die Wissenschaftler aber nicht nur die enorme Ausdehnung, sondern vor allem auch die unglaubliche Geschwindigkeit: Am 8. Juli waren erst 40 Prozent der Fläche betroffen, am 12. Juli wurde dann der Rekordwert von 97 Prozent beobachtet.
Was hinter all dem steckt, ist allerdings noch unklar. Vor allem aber ist es nach Ansicht der Wissenschaftler zu früh, um die massive Eisschmelze in Verbindung mit dem Klimawandel zu bringen. So war etwa der spektakuläre Abbruch eines 120 Quadratkilometer großen Eisbergs am grönländischen Petermann-Gletscher vor knapp fünf Tagen vor allem das Resultat höherer Meerestemperaturen, und nicht der wärmeren Luft. "Wenn wir dasselbe Ausmaß an Eisschmelze auch im August und im nächsten Jahr feststellen, werden wir wohl stärker an eine Verbindung mit der Erderwärmung denken. Aber zu diesem Zeitpunkt können wir noch nichts sagen", erklärte Nghiems Nasa-Kollegin Dorothy Hall. In den vergangenen Tagen dürfte die Eisdecke über weite Flächen hinweg auch schon wieder angefroren sein.
Unabhängig durch Rohstoffe
Doch auch wenn es sich bei der aktuellen Eisschmelze um ein Einzelphänomen handeln könnte, steht für die Wissenschafter fest, dass die grönländischen Gletscher mit bisher ungekannter Geschwindigkeit abtauen. Zuletzt verschwanden 250 Gigatonnen Eis pro Jahr. Der massive Rückgang macht Grönland aber nicht nur für Klimatologen interessant. Unter der Eisdecke wird ein wahrer Schatz an Rohstoffen wie Kupfer, Platin, Uran und Aluminium vermutet. Auch große Öllagerstätten dürften sich in der Region befinden. Bereits jetzt sind 30 zumeist ausländische Explorationsunternehmen in Grönland tätig, die in den nun leichter zugänglichen Gebieten nach möglichen Standorten für neue Minen suchen. Derzeit ist die Saison allerdings noch kurz, gearbeitet werden kann nur von Mitte Mai bis Anfang Oktober. Dafür sind aber die politischen Verhältnisse stabil. "Es ist hier nicht wie in Afrika oder Südamerika, wo es Unruhen und Kriege gibt oder der Staat auf einmal eine Mine konfisziert ohne die Eigentümer zu entschädigen", sagt Dan Bang, der Finanzvorstand des grönländischen Minenunternehmens NunaMinerals, gegenüber der EU-Nachrichtenplattform Euractiv.
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