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Update: 03.08.2012, 20:15 Uhr
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Menschenrechtler sprechen von Justizskandal

Punk-Frauen gegen Putin: "Schauprozess" gegen Pussy Riot beginnt



  • "Mutter Gottes, du Jungfrau, vertreibe Putin!".
  • Russische Rock-Band wegen Rowdytums vor Gericht.

Seit fast fünf Monaten sitzen drei Frauen der Moskauer Skandalband Pussy Riot in Untersuchungshaft - ihr Vergehen: in einer Kathedrale laut für ein Ende der Amtszeit von Präsident Wladimir Putin zu beten. Wegen Rowdytums und Aufwiegelns zu religiösem Hass müssen sie sich deshalb von diesem Montag (30. Juli) an vor Gericht verantworten. - APAweb/EPA

Seit fast fünf Monaten sitzen drei Frauen der Moskauer Skandalband Pussy Riot in Untersuchungshaft - ihr Vergehen: in einer Kathedrale laut für ein Ende der Amtszeit von Präsident Wladimir Putin zu beten. Wegen Rowdytums und Aufwiegelns zu religiösem Hass müssen sie sich deshalb von diesem Montag (30. Juli) an vor Gericht verantworten. APAweb/EPA

Moskau. Seit fast fünf Monaten sitzen drei Frauen der Moskauer Skandalband Pussy Riot in Untersuchungshaft - ihr Vergehen: in einer Kathedrale laut für ein Ende der Amtszeit von Präsident Wladimir Putin zu beten. Wegen Rowdytums und Aufwiegelns zu religiösem Hass müssen sie sich deshalb von diesem Montag (30. Juli) an vor Gericht verantworten. Menschenrechtler sprechen von einem politischen "Schauprozess" und einem beispiellosen Justizskandal. Zwar wächst die Solidarität auch von Prominenten wie Sting, der Band Franz Ferdinand und anderen Musikern. Dennoch drohen den Frauen sieben Jahre Haft in einem Straflager.

Nadeschda Tolokonnikowa (22) und Maria Aljochina (24) - beide Mütter - sowie Jekaterina Samuzewitsch (29) sind angeklagt, mit einem Punk-Gebet am 21. Februar in der Erlöserkathedrale in Moskau die Gefühle von Gläubigen grob verletzt zu haben. Die Kirche gilt als das Herz des russisch-orthodoxen Christentums. Bilder zeigen, wie die Frauen in dem eigentlich nur für Würdenträger zugänglichen Altarraum mit Strumpfmasken vermummt herumspringen und sich bekreuzigen.


"Mutter Gottes, du Jungfrau, vertreibe Putin!"
Für Aufsehen sorgte aber vor allem ein Internet-Video der Aktion, das mit dem Lied "Mutter Gottes, du Jungfrau, vertreibe Putin!" vertont ist. Putin selbst zeigte sich nach seiner Wiederwahl zum Präsidenten öffentlich angewidert von der Protest-Performance. "Ich hoffe, dass sich so etwas nie wiederholt", sagte er am 7. März. Viele nahmen dies wohl als Wink, an den Frauen ein Exempel zu statuieren.

Die Staatsanwaltschaft wirft Pussy Riot vor, an den jahrhundertealten Grundfesten der russisch-orthodoxen Kirche gerüttelt zu haben. Sie sieht in den früheren Philosophie- und Journalistikstudentinnen eine Gefahr für die Gesellschaft.


Freie Meinungsäußerung
Dagegen betonen die Verteidiger von Pussy Riot, dass sich die Frauen mit der umstrittenen Aktion auf das Recht der freien Meinungsäußerung berufen. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat die Musikerinnen nach ihrer Festnahme im März deshalb als politische Gefangene anerkannt.

"Dieses Verfahren ist politisch. Es wird direkt von Putin oder seiner Umgebung gesteuert", sagte auch Verteidiger Nikolai Polosow. Die Frauen bereiteten sich deshalb schon innerlich auf eine Straflagerhaft vor. Ihre Untersuchungshaft wurde bis Jänner 2013 angesetzt.



Ungebrochene Musikerinnen
Schon bei den zahlreichen Gerichtsterminen - unter anderem dem zur Haftprüfung - in den vergangenen Wochen haben Beobachter immer wieder hervorgehoben, dass die Musikerinnen ungebrochen seien. Der Regisseur Wladimir Mirsojew, der selbst im Gerichtssaal war, spricht von einem "himmelschreienden Kontrast zwischen denen, die richten, und denen, die angeklagt sind".

"Die toten Gesichter der Richter, die bösen Grimassen einer Gerichtshelferin. Die wandernden Augen des Staatsanwalts. Die Mädchen von Pussy Riot sind dagegen schön, ihre Reden sind klar und ausgewogen", sagte Mirsojew in einem Interview der Zeitung "Iswestija". Kommentatoren warnten, dass die Gesellschaft durch das übermäßig harte Vorgehen gegen die Frauen zunehmend gespalten werde.

Sieben Bände mit rund 3.000 Seiten umfassen die Ermittlungsakten - wegen rund einer Minute Protest gegen Putin und die Kirche. Auch Kirchenfunktionäre wie der Diakon Andrej Kurajew kritisierten, dass bei der Anklage gar nicht klar sei, wer Anzeige erstattet habe und wer der Geschädigte sei. Zwar hätten die Feministinnen Gotteslästerung begangen, sagte Kurjaew. Aber auch er äußerte die Vermutung, "dass es hier um Politik geht".

In der Anklage geht es um den Vorwurf des "Hooliganismus aus Gründen religiösen Hasses". Die Anwälte sehen hingegen höchstens eine Ordnungswidrigkeit. "Die Mädchen hatten keine Waffen und haben nichts zerstört, so wie es für eine Anklage wegen Rowdytums eigentlich nötig wäre", kritisiert Verteidiger Polosow. Auch der Geistliche Kurajew sieht in der Aktion selbst keinen Schaden für die Kirche. "Der Vorsteher der Erlöserkathedrale sagte nach der Aktion, dass die Kirche nicht entweiht worden sei", betont Kurajew. Der Schaden für die Kirche entstehe aber durch die lange Haft für Pussy Riot.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-07-29 10:35:03
Letzte Änderung am 2012-08-03 20:15:20


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