Oak Creek. Nach dem tödlichen Angriff auf einen Sikh-Tempel im US-Bundesstaat Wisconsin gehen die Behörden Hinweisen auf einen Racheakt für die Anschläge vom 11. September 2001 nach. Aufschluss über die Motive des Täters, der am Sonntag sechs Anhänger der aus Indien stammenden Religionsgemeinschaft erschossen hatte und von Polizisten getötet wurde, erhofften sich die Ermittler am Montag von der Durchsuchung seiner Wohnung. Die Behörden stuften den Vorfall in Oak Creek, einem Vorort von Milwaukee, als Akt des Inlands-Terrorismus ein. Deshalb wurde das US-Bundeskriminalamt FBI eingeschaltet.
Zeugen sprachen von einem großen, kahlköpfigen, weißen Mann, der am Sonntag in die Küche des Gemeindekomplexes eingedrungen sei und um sich geschossen habe. Der etwa 40 Jahre alte Todesschütze soll eine Tätowierung getragen haben, die auf die von muslimischen Extremisten verübten Anschläge vom 11. September 2001 hinweisen. Dazu passen Spekulationen, wonach der Todesschütze seine Opfer mit Muslimen verwechselt habe. "Jeder hier glaubt, dass es sich ganz bestimmt um ein Hassverbrechen handelt", zitierte die "New York Times" einen Sikh aus der Region namens Manjit Singh.

Ein Turban macht noch keinen Taliban
"Die Leute glauben, wir sind Muslime." Eine Sikh-Anhängerin namens Ravi Chawla sagte dem Blatt zufolge, die meisten Menschen seien so ignorant, dass sie den Unterschied zwischen Religionen nicht kennen würden. "Nur weil sie einen Turban sehen, denken sie, man sei Taliban.
Die Sikh-Religion ist mit mehr als 30 Millionen Anhängern die fünftgrößte der Welt. Der monotheistische Glaube hat seinen Ursprung in Indien. In den USA leben schätzungsweise 500.000 Sikhs. Im September 2001 wurde im Bundesstaat Arizona ein Sikh von einem Mann erschossen, der nach eigenen Angaben Rache für die Anschläge der radikal-islamischen Al-Kaida üben wollte. Der Direktor der Bürgerrechtsgruppe Sikh Coalition berichtete am Sonntag von mehreren Angriffen auf Sikhs im vergangenen Jahr. Im jüngsten Fall gehe man daher zunächst von einem ähnlichen Hintergrund aus.
Noch keine Angaben zur Identität
Der Täter habe mit einer halbautomatischen Neun-Millimeter-Pistole um sich geschossen, erklärte ein Sprecher der für die Verfolgung von Schusswaffendelikten zuständigen Ermittlungsbehörde ATF. Die Identität des Attentäters, der offenbar von einem Polizisten erschossen wurde, soll in den kommenden Stunden bekanntgegeben werden, wie der US-Sender CNN unter Berufung auf Behörden berichtete. Demnach handelte es sich bei dem Mann um einen Armee-Veteran.
Der Angreifer erschoss nach Polizeiangaben vier Gläubige in dem Tempel und zwei weitere außerhalb des Gebäudes. Er habe dann das Feuer auf einen Polizisten eröffnet, sagte der örtliche Polizeichef John Edwards. Ein Kollege des bei dem Angriff schwer verletzten Beamten habe zurückgeschossen und den Mann getötet. Der verwundete Polizist dürfte nach Angaben der behandelnden Ärzte überleben. Zwei weitere Verletzte schwebten in Lebensgefahr.
Trauer und Solidarität
Präsident Barack Obama und sein republikanischer Herausforderer Mitt Romney zeigten sich tief betroffen. Die indische Botschaft in Washington entsandte einen Vertreter nach Wisconsin. In Indien wurde am Montag in Trauergottesdiensten der Ermordeten gedacht. Premierminister Singh, ebenfalls ein Anhänger der Sikh, kondolierte den Angehörigen der Opfer und erklärte Indiens Solidarität mit allen friedliebenden Amerikanern, die die Gewalt verurteilten.
Es ist der zweite derartige Vorfall mit zahlreichen Toten innerhalb weniger Tage in den USA. Vor etwa zwei Wochen stürmte ein Mann ein Kino im Bundesstaat Colorado und erschoss zwölf Menschen. Während in der Presse nach dem Angriff über strengere Waffengesetze diskutiert wurde, gab es weder breit angelegte politische Vorstöße noch größere Gesetzesänderungen.
Studien zufolge haben Amokläufe in den USA kaum Auswirkungen auf die öffentliche Meinung. Einer Erhebung des Pew Research Center vom Juli zufolge waren nach dem Massaker in Colorado zwar 47 Prozent der US-Bürger für strengere Waffengesetze. 46 Prozent fanden es jedoch wichtiger, das Recht des Bürgers auf den Besitz einer Schusswaffe zu schützen. Die Zahlen waren im Vergleich zu einer Studie im April kaum verändert. Zwei Drittel der Befragten bewerteten im Juli Amokläufe als isolierte Vorfälle, die von gestörten Einzelpersonen verübt werden.