Berlin. Der Bürgerkrieg in Syrien findet seine Fortsetzung im Internet. Manchmal gelingen den Kontrahenten auch spektakuläre Coups: Am Montag sah sich das russische Innenministerium sogar dazu genötigt, eine Twitter-Kurzmitteilung zu dementieren, wonach Syriens Präsident Bashar al-Assad getötet worden sei. Unbekannte hatten den falschen Tweet im Namen des Ministers verbreitet.
Alte WordPress-Version bei Reuters
Vergangene Woche war die Internet-Seite der Nachrichtenagentur Reuters gehackt und in einem Blog ein falsches Interview mit dem Chef der Freien Syrischen Armee, Riad al-Asaad, gepostet worden, das auf einen Rückzug der Rebellen aus Aleppo schließen ließ. Die Hacker hatten leichtes Spiel, weil die britische Nachrichtenagentur eine veraltete Version von WordPress nutzte. Wer hinter den Angriffen steckt, bleibt im Dunklen. Aus Sicht von Experten kommen dafür Geheimdienste infrage, aber auch Auftrags-Hacker.
"Kriegsführung über Kommunikation ist nicht neu", sagt Annegret Bendiek von der deutschen Stiftung Wissenschaft und Politik. Aus Sicht der Expertin für Europäische Cybersicherheit wird das Internet als Propagandawaffe zunehmend interessant. Die Konfliktparteien in Syrien haben das längst erkannt. Bereits im vergangenen Jahr hatten Assad-Unterstützer ("Syrian Electronic Army") eine Website der US-Universität Harvard verunstaltet und wüste Drohungen gegen die US-Regierung gerichtet. WikiLeaks waren Tausende Dokumente der syrischen Regierung zugespielt worden, darunter E-Mails Assads an seine Frau.
Emails von Assads Frau
Es sei kein Wunder, dass sich Assads Regierung bemühe, ihre Möglichkeiten zur elektronischen Kriegsführung auszubauen, sagt John Bassett, der früher für den britischen elektronischen Aufklärungsdienst GCHQ tätig war: "Allerdings zeigt die Attacke auf Assads E-Mails, dass das syrische Regime bei der Abwehr solcher Angriffe noch ernsthafte Schwächen hat." Bendiek schließt nicht aus, dass sich die syrische Opposition sogenannter Cyber-Söldner bedient: Hoch spezialisierte private Firmen, die von überall operieren können. Als Standorte seien zum Beispiel afrikanische Staaten sehr beliebt, sagt Bendiek.
Das Ziel der gegenseitigen Angriffe ist immer das gleiche: die öffentliche Meinung. "Das größte Opfer im Krieg ist die Wahrheit", sagt Hayat Alvi, Nahost-Experte am US Naval War College in Newport: "Beide Seiten versuchen, Informationen so zu manipulieren, dass sie als Gewinner und die anderen als Verlierer dastehen." In Syrien will Assads Regierung vor allem beweisen, dass sie noch immer fest im Sattel sitzt, während die Aufständischen um weitere ausländische Unterstützung werben und sich als die neuen Machthaber präsentieren.
Schnelle Schlagzeilen
Wirklich bedeutend für den Konfliktverlauf sind solche Internet-Angriffe allerdings nicht. "So etwas wird kurzfristig wahrgenommen, aber selbst wenn einige Schlagzeilen daraus entstehen und einige Leute diese glauben, sind die Effekte doch begrenzt", sagt Tal Be'ery von der Internet-Sicherheitsfirma Imperva. Hinzu kommt, dass viele solcher Angriffe laienhaft ausgeführt werden. So entsprachen die Einträge auf der Reuters-Seite weder in Form noch Stil den dortigen Gepflogenheiten und fielen sehr schnell auf. Auch die russische Regierung dementierte relativ rasch, dass Assad gestorben sei.
In Wirklichkeit geht es Regierungen und Opposition in einem Konfliktfall auch weniger um kurzfristige Geländegewinne im Cyberspace, sondern um die Kontrolle über dem Zugang zum Internet selbst. Überall auf der Welt haben autokratische Regierungen große Anstrengungen unternommen, um zu kontrollieren, was ihre Bürger im Internet zu sehen bekommen. Assad ist da keine Ausnahme und die Möglichkeiten der modernen Welt sind ihm wohl vertrat: Bevor er Präsident wurde, war er Vorsitzender der "Syrischen Computer Gesellschaft" - einem Vorläufer der "Syrian Electronic Army".