Am Donnerstag um 21:55 Uhr (MESZ) findet das Finale im 200m-Lauf der Herren statt. Doch selbst wenn es das schnellste Rennen aller Zeiten wird und Usain Bolt einen neuen Weltrekord aufstellt, wird es doch von dem Endlauf der Spiele in Mexico City in den Schatten gestellt.

Es war der 16. Oktober. Zunächst erzielte der US-Amerikaner Tommie Smith mit 19,8 Sekunden einen neuen Weltrekord. Hinter ihm wurden der Australier Peter Norman und Smiths Mannschaftskollege John Carlos mit 20,0 gestoppt - die Zeitmessung auf Hundertstelsekunden wurde erst 1972 in München eingeführt. Nach dem Zieleinlauf jubelten die US-Medien noch. Doch dann kam die Siegerehrung. Mit den Medaillen um den Hals reckten Tommie Smith und John Carlos ihre Fäuste, die in schwarzen Handschuhen steckten. Die Geste war bekannt und von weißen Konservativen gefürchtet: der Black Power-Gruß. Die Botschaft, eine Demonstration gegen den Rassismus in den USA, ebenfalls. Das unterstützte auch Peter Norman, der mit einem Button des "Olympic Project for Human Rights", einer antirassistischen Bewegung, auf dem Podest stand.
Dennoch ernteten die Sportler zunächst nur Ablehnung und Hass. das Publikum buhte, das Internationale Olympische Komitee (IOC) verwies die Sprinter des Olympischen Dorfes. Das nationale Komitee warf sie aus dem Team. Man wollte sich vergnügen und nicht an die Wirklichkeit außerhalb der Arena denken, nicht an Unruhen in den USA, nicht an die 250 Studenten, die zehn Tage vor dem Beginn der Spiele auf der Plaza de las Tres Culturas in Mexico City von Militär und Geheimpolizei ermordet worden waren.
Zwei Tage, nach dem 400m-Finale standen sogar drei US-Amerikaner auf dem Podest. Lee Evans, Larry James und Ron Freeman trugen schwarze Baretts, als sie ihre Medaillen entgegennahmen - und wurden ebenfalls sofort heimgeschickt. Nur die Frauen der 4x100m-Staffel kamen ungestraft davon, obwohl sie ihren Sieg mit Weltrekord Tommie Smith und John Carlos widmeten.
"Schwarzhäutige Sturmtruppen"
Doch da war es schon zu spät. Die Welt diskutierte über Amerikas peinlichstes Problem, die Rassendiskriminierung. US-Medien, Sportfunktionäre und Politiker entlarvten sich mit ihren Äußerungen, in denen sie den Athleten jedes Recht auf Meinungsäußerung verbieten wollten. Der bekannte Sportjournalist Brent Musburger sprach auf dem TV-Schirm von "schwarzhäutigen Sturmtruppen".
Nur "Time" versuchte die Aktion als Ausdruck der "Launenhaftigkeit" der Sportler herunterzuspielen, aber da war es schon zu spät. In mehr als 100 Städten der USA kam es zu Ausschreitungen, Präsident Johnson verhängte den Ausnahmezustand über Washington.
Und längst war im Rest der Welt bekannt, dass es sich beim IOC-Vorsitzenden Avery Brundage und einen bekennenden Antisemiten und Rassisten handelte, bekannnt als "Slavery Avery". 1936 in Berlin hatte er den Boykott der US-Mannschaft verhindert und Hitler zum Propagandaerfolg verholfen, nun verbat er sich jede politische Äußerung.
Die Läuferkarrieren von Smith und Carlos gingen bald nach den Spielen zu Ende. John Carlos stellte 1969 den Weltrekord über 100 Yards ein, bekam aber kaum Einladungen zu wichtigen und gut bezahlten Veranstaltungen.
Für ein langes Interview mit der BBC erhielten die beiden 1.000 Dollar und wurden gefragt, ob sie von der Berühmtheit nach ihrem Auftritt profitieren würden. "Das kann ich nicht essen", erklärte Carlos. "Und die Kids in meinem Block können's auch nicht essen. Sie können Bekanntheit nicht essen, und sie können Goldmedaillen nicht essen. Alles was sie wollen, ist eine gleichberechtigte Chance, ein menschliches Wesen zu sein."