Istanbul. Die USA und die Türkei wollen die syrischen Rebellen im Kampf gegen Präsident Baschar al-Assad stärker unterstützen. Gemeinsam wird die Einrichtung einer Flugverbotszone über dem Land in Erwägung gezogen. Das sei eine der Optionen und Grund für eine vertiefte Zusammenarbeit mit der Türkei, sagte US-Außenministerin Hillary Clinton in Istanbul. Ein Flugverbot müsste mit einem militärischen Einsatz durchgesetzt werden, den der Westen auch mit Blick auf Syriens Verbündete Russland und China bislang vermeidet. Ohnehin droht nach einem Grenzgefecht mit jordanischen Soldaten der Bürgerkrieg in Syrien auf Nachbarländer überzugreifen.
Auf die Frage nach einer Flugverbotszone über den von Rebellen kontrollierten Gebieten sagte Clinton, das sei ein Punkt, der mit der Türkei intensiver erörtert werden müsse. "Es ist eine Sache, über mögliche Aktionen zu reden, aber man kann vernünftige Entscheidungen nicht ohne eingehende Analysen und operative Planung treffen." Sie sei sich mit ihrem türkischen Kollegen Ahmet Davutoglu darin einig, dass solche Entscheidungen gemeinsam geprüft werden müssten. Dringend notwendig seien auch Planungen für die Zeit nach Assad, dessen Tage an der Macht aus Sicht des Bundesnachrichtendienstes gezählt sind.
Militärischer Einsatz steht zur Debatte
Mit ihren Äußerungen brachte Clinton erstmals den Einsatz militärischer Mittel ins Gespräch. Im vorigen Jahr hatte viele westliche Länder den Kampf libyscher Rebellen gegen Machthaber Muammar Gaddafi mit einer Flugverbotszone entscheidend unterstützt.
In der Millionenmetropole Aleppo setzten Assads Truppen ihre Offensive mit unverminderter Härte fort. Dabei wurden erneut Panzer und Kampfflugzeuge eingesetzt. Anführer der Aufständischen klagten über einen Mangel an Waffen und Munition. Auch in Damaskus flammten die Kämpfe auf, wie Bewohner und das Staatsfernsehen berichteten. In der Nähe der Zentralbank habe es eine heftige Explosion gegeben.
Überschwappen der Gewalt auf Jordanien befürchtet
Derweil droht der Bürgerkrieg die Nachbarländer Syriens zu erfassen. Am späten Freitagabend kam es zu einem Grenzgefecht mit jordanischen Truppen. Die Auseinandersetzungen in der Region Tel Schihab-Turra begannen nach Angaben aus der syrischen Opposition, als syrische Soldaten auf Flüchtlinge schossen, die die Grenze nach Jordanien überqueren wollten.
Zwar haben jordanische Soldaten schon auf syrische Truppen gefeuert, um den Beschuss von Flüchtlingen zu stoppen. Doch war dies der bislang schwerste Zwischenfall an der Grenze seit Beginn des Konfliktes, der sich zu einem Bürgerkrieg ausgeweitet hat. Der Abschuss eines türkischen Militärjets durch die syrische Luftabwehr im Juni und der Beschuss libanesischer Dörfer durch Assad-Truppen schürten bereits die Furcht vor einer Ausbreitung des Konflikts in der ohnehin an Spannungen reichen Region.
Arabisches Treffen verschoben
Ein für Sonntag geplantes Treffen der Außenminister arabischer Staaten wurde unterdessen verschoben. Der saudiarabische Ressortchef Prinz Saud al-Faisal musste sich nach offiziellen Angaben einer Operation unterziehen. Bei dem Treffen in Dschidda sollte auch über den künftigen Syrien-Sonderbeauftragten der Vereinten Nationen und der Arabischen Liga gesprochen werden. Für das Amt ist Diplomaten zufolge der frühere algerische Außenminister Lakhdar Brahimi im Gespräch.
Der deutsche Bundesaußenminister Guido Westerwelle tritt dafür ein, Assad den Prozess zumachen. "Das Beste wäre, wenn Assad vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gestellt würde," sagte Westerwelle der "Bild am Sonntag". Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, sei aber auch eine Ausreise Assads ins Exil denkbar.
Die Tage der Assad-Herrschaft sind nach Einschätzung des Bundesnachrichtendienstes möglicherweise gezählt. "Es gibt viele Anhaltspunkte dafür, dass die Endphase des Regimes begonnen hat", sagte BND-Chef Gerhard Schindler der Zeitung "Die Welt". Assads Armee habe rund 50.000 ihrer einst 320.000 Soldaten verloren. Darunter seien bis zu 3000 Überläufer zur militanten Opposition, die nach BND-Erkenntnissen aus rund 20.000 Kämpfern besteht. "Die Erosion des Militärs hält an." Auch der stellvertretende Polizeichef der Provinz Homs setzte sich nach Angaben aus Oppositionskreisen am Sonntag nach Jordanien ab.