• vom 22.08.2012, 18:49 Uhr

Top News

Update: 23.08.2012, 11:43 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



WTO-Chef über Handelshindernisse und die Möglichkeit, aus der Krise herauszukommen

"Die gute Nachricht: Entwicklung schafft per se Arbeitsplätze"


Von Thomas Seifert

  • Pascal Lamy prophezeit Ende der "Hyperprofitabilität" von Banken.

Wohlstand und Glück Pascal Lamy will dem wichtigsten Wirtschaftsindikator - dem BIP - neue, breitere Indikatoren zur Seite stellen. - © EPA

Wohlstand und Glück Pascal Lamy will dem wichtigsten Wirtschaftsindikator - dem BIP - neue, breitere Indikatoren zur Seite stellen. © EPA

"Wiener Zeitung": Am Mittwoch wurde Russland das 156. Mitglied der Welthandelsorganisation WTO. Was bedeutet der WTO-Beitritt für die EU, für Österreich?

Werbung

Pascal Lamy: Der Marktzugang wird für die Handelspartner Russlands einfacher werden, die russischen Handelspartner werden von der Rechtssicherheit, welche das Regelwerk der WTO bietet, profitieren. Solange nämlich die Handelspartner nicht Mitglied der Welthandelsorganisation sind, kann dieses Land den Freihandel einschränken. Aber als WTO-Mitglied ist man an die Normen und Regeln der Welthandelsession gebunden. Etwa in Fragen des Schutzes geistigen Eigentums, bei Investitionen. All das wurde von der russischen Duma bereits ratifiziert. Für Österreich bedeutet Russlands WTO-Beitritt einen einfacheren Marktzugang und mehr Sicherheit, mehr Vorhersehbarkeit in den Handelsbeziehungen mit Russland. Diese Rechtssicherheit sollte zum mehr Handel zwischen Russland und der EU, zwischen Russland und Österreich führen.

Viele Investoren sind aber gerade über die zunehmende Rechtsunsicherheit in Russland besorgt.

(Grafik zum Vergrößern bitte anklicken.)

(Grafik zum Vergrößern bitte anklicken.) (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken.)

Die WTO ist nicht für die gesamte Palette des Wirtschaftslebens eines Landes verantwortlich. Denken Sie etwa an Korruption. Das ist ein Thema, das immer wieder angesprochen wird, aber die WTO hat keinerlei Instrumente, wie mit Korruption zu verfahren ist. Wir decken eben nur einen Teil des Regelwerks der Wirtschaftsbeziehungen ab. Und so ist eben Korruptionsbekämpfung derzeit hauptsächlich Sache der souveränen Nationalstaaten.

Welchen Beitrag kann der freie Handel für das Wiederanspringen des globalen Wirtschaftsmotors leisten?

Das Beseitigen von Handelshindernissen ist eine sehr kostengünstige Möglichkeit, um aus der derzeitigen Krise herauszukommen. Um aber mehr Handel zu ermöglichen, brauchen wir neue Vereinbarungen, neue Regeln. Das Dumme ist nur: Mit diesen Regeln verändern wir die Wettbewerbsposition einzelner Branchen in den einzelnen Ländern.


Klingt das Mantra der WTO - Freihandel führt zu mehr Wachstum - nicht ein wenig zu simpel?

Nein, weil Freihandel strukturelle Reformen mit sich bringt. Wenn man Handelshindernisse beseitigt, dann gewinnt man dort, wo man einen komparativen Vorteil genießt, und verliert dort, wo man einen relativen Nachteile hat. Das macht die jeweilige Volkswirtschaft effizienter und diese Effizienz-Steigerungen lassen sich in Wachstum übersetzen. Das sind sich alle Ökonomen einig.

Und doch ist der Weg zum Freihandel nicht so trivial.

Weil dieser Weg nicht nur mit ökonomischen Herausforderungen gepflastert ist, sondern vor allem das politische System fordert. Wenn man nämlich neuen Handels-Vereinbarungen schließt, dann müssen auf politischer Ebene jene Gruppen, die in diesem neuen Handels-Regime zu den Verlierern gehören, davon überzeugt werden, dass sie im Dienste der Mehrheit - also jener Gruppen, die von diesem neuen Handelsregime profitieren würden -, einem Kompromiss zustimmen. In Krisen-Zeiten sinkt aber leider die Bereitschaft zu Kompromissen stark und die Kapazität des politischen Systems, solche Kompromisse herzustellen, verringert sich ebenfalls.

Diese Krise begann als Hypotheken-Krise in den USA, wuchs sich rasch zu einer globalen Finanz-Krise aus. Wie konnte es dazu kommen, dass diese Krise voll auf die Real-Wirtschaft übergreifen konnte?

Es gibt eine Kluft zwischen der Finanz- und der Realwirtschaft. Aber die Realität ist - das haben wir der Geschichte schon oft erlebt -, dass bei Finanz-Krisen Vermögen von Menschen vernichtet wird. Dadurch verringert sich der Konsum der Bürger, die Nachfrage sinkt, das Angebot wird in Folge zurückgefahren und somit enden wir in einer veritablen Wirtschafts-Krise. Ausgangspunkt der Krise war - das haben Sie in Ihrer Frage angesprochen - der am meisten integrierte und globalisierte Wirtschaftszweig überhaupt, nämlich die Finanzwirtschaft. Und diese war keiner globalen Regulierung unterworfen. Das ist keine Frage der WTO, die Regulierung der globalen Finanzmärkte gehört in das Basel-System, das Basel-Komitee, das Financial Stability Board.

Die Ironie der Geschichte: wir hatten ein Welt-Handels-System, das relativ gut reguliert war - ich sage relativ, denn man kann natürlich noch manches verbessern - und wir hatten ein globales Finanzsystem, das überhaupt keiner globalen Regulierung unterworfen war. So kam es zur Subprime-Krise, so konnte die Kredit-Blase entstehen, die nach dem Platzen zu massiven Turbulenzen in der Real-Wirtschaft geführt hat.

Wie soll die Regulierung in Hinkunft verbessert werden?

Es geht darum, die Finanz Dienstleistungs-Branche in einer Art und Weise zu regulieren, dass Blasen und Schocks, wie wir sie erlebt haben, in Zukunft nicht mehr so einfach entstehen. Aber das dauert Zeit. Man muss zuerst auf internationaler Ebene einen Konsens über die nötigen Reformen herstellen und man muss die Konsequenzen des gefundenen Kompromisses tragen.

Soll heißen?

Das Business-Modell der Finanzdienstleistungs-Wirtschaft muss sich verändern. Es wird in Hinkunft eben keine 15 Prozent Kapitalrendite mehr geben, wie das jahrzehntelang in dieser Industrie Standard war. Solche Ergebnisse konnten in dieser Branche nur erzielt werden, weil Risiken in einem Ausmaß eingegangen wurden, wie wir das eben in den vergangenen Jahren erlebt haben. Und das hat sich ja nicht gerade als Erfolgsmodell erwiesen.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-22 18:38:14
Letzte Änderung am 2012-08-23 11:43:46


Werbung



Beliebte Inhalte



Freundliches Lächeln zwischen Vizemarschall Choe Ryong-hae und Präsident Xi Jinping. - ap
  • Erstmals unter Kim Jong-un besucht ein nordkoreanischer Gesandter Peking
  • weiter

Wer braucht Gewerkschaften, wenn die Mitarbeiter eingebunden sind? Frank Stronach regelt Konflikte lieber selbst. - apa/Michael Gruber
  • Salzburger Stronach-Mann weicht in Debatte um Gewerkschaft vom Chef ab.
  • weiter

"Totally sexy" lautet hier das Motto. Und das um jeden Preis. - Luiza Puiu
  • Label balanciert auf dem schmalen Grat zwischen sexy und ordinär.
  • weiter

Mehr als 5000 "Siemensianer" arbeiten derzeit noch in der neuen "Siemens-City" in Wien-Floridsdorf. - apa
  • Auch in Österreich wackeln bis zu 1000 Arbeitsplätze
  • weiter

Haben die Wiener Senioren mehr Weitblick als die eigene Partei? - Rösner
  • Die "rote Basis" macht Urlaub - und schimpft über die (grüne) Stadtpolitik.
  • weiter

Eine erste Teststrecke beim Westbahnhof wurde grün angemalt. - APAweb / Georg Hochmuth
  • City-Chefin Stenzel: Grüne geben Steuergelder für Parteiwerbeaktion aus.
  • weiter

Schütze Bosko Rasovic trainiert fünfmal pro Woche. S. Jenis
  • Rund 24.000 Wiener haben eine Waffenbesitzkarte.
  • weiter

Reinhard Göweil Die fünf Agrarkonzerne Monsanto, Pioneer, Syngenta, Limagrain und Bayer kontrollieren weltweit zirka 63 Prozent des Saatguts...weiter





Gottfried Helnwein, Peinlich, 1971,

Die Wolldecke eines Navajo-Häuptlings wurde bei Sothebys in New York für rund 221.000 US-Doller versteigert. Es war die erste Auktion aus dem Nachlass der Sammlung Andy Williams, des bekannten US-amerikanischen Popsängers und Fernsehentertainers. Chondrocladia lyra, ein fleischfressender Schwamm, lebt über drei Kilometer tief im Pazifik vor der Küste von Kalifornien. Die Art wurde von der Universität von Arizona in Tempe (USA) für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt.

"Erstbegehung" des Wiener Wahrzeichens:  Slackliner Christian Waldner arbeitete sich in 60 Metern über dem Boden Schritt für Schritt vom großen Steffl-Turm (Südturm) bis zum südlichen Heidenturm vor und tänzelte nach kurzer Verschnaufpause wieder retour. Der Drahtseilakt dauerte rund zehn Minuten. Nach Sony (PlayStaion 4) und Nintendo (WiiU) hat nun auch Microsoft seine Vision der zukünftigen Spielkonsolenwelt vorgestellt. Kinect Group Program Manager Scott Evans demonstrierte bei der Präsentation der "Xbox One" gleich einmal den neuen Kinect-Sensor, der nun nicht mehr als Zubehör erhältlich sein wird, sondern fix im Lieferumfang enthalten sein wird.

Werbung