• vom 22.08.2012, 19:15 Uhr

Top News

Update: 23.08.2012, 11:45 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (12)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Poker um die Fusion zum weltgrößten Rohstoffkonzern

Der größte unbekannte Konzern


Von Reinhard Göweil

  • Das Rohstoffunternehmen Glencore setzte im 1. Halbjahr 108 Milliarden Dollar um.

Glencore-Zentrale in Baar, im Schweizer Kanton Zug. - APAweb/ EPA/URS FLUEELER

Glencore-Zentrale in Baar, im Schweizer Kanton Zug. APAweb/ EPA/URS FLUEELER

Wien. Das größte Unternehmen der Schweiz sitzt im überaus steuerfreundlichen Zug, und nur die wenigsten haben von ihm gehört: Glencore. Das Unternehmen handelt mit nahezu allen Rohstoffen. Es ist nahezu 60 Milliarden Dollar wert, und ging 2011 in London und Hongkong an die Börse. Etwas mehr als die Hälfte des weltweit handelbaren Zinks und Kupfers gehen über Glencore. Ein Drittel der Kohle, die auf den Meeren herumschippert, wird von Glencore gesteuert. Der Konzern ist der weltgrößte unabhängige Ölhändler. Und er ist einer der größten Getreide-Exporteure und kaufte jüngst um fünf Milliarden Euro den kanadisch-australischen Getreide-Handelskonzern Viterra - Raps, Hartweizen und Hafer stehen nun auch auf dem Speisezettel von Glencore.

Werbung

Die größte Erwerbung, der Minen-Konzern Xstrata, könnte den knallharten Händlern durch die Lappen gehen. "Mit Xstrata würde Glencore von der Sahara bis Südafrika fast alles gehören", sagt ein Analyst. Doch nun ist darum eine Übernahmeschlacht entstanden, weil der Staatsfonds von Katar 12 Prozent an Xstrata erworben hat und von Glencore eine Nachbesserung des Angebots verlangt. Glencore-Chef Ivan Glasenberg, ein Südafrikaner und Glencore-Großaktionär, sagt nun, dass dies nicht in Frage komme. Die Welt ginge nicht unter, wenn die Fusion nicht klappte. Ein Poker im Wert von 30 Milliarden Dollar.

(Grafik zum Vergrößern bitte anklicken.)

(Grafik zum Vergrößern bitte anklicken.) (Grafik zum Vergrößern bitte anklicken.)

Doch die Rohstoffhändler sind harte Bandagen gewohnt. Der für Agrar-Rohstoffhandel zuständige Glencore-Direktor Mahoney sagte bei der Präsentation der Halbjahreszahlen, dass die "Dürre in den USA gute Geschäftsmöglichkeiten für Glencore bietet", vor allem nach dem Kauf von Viterra. Organisationen wie Oxfam heulten ob dieses Zynismus laut auf.

Rohstoffgeschäfte mit korrupten Diktaturen
Die Glencore-Handelsmanager, die durch den Börsegang entweder zu Milliardären oder wenigstens zu Multimillionären wurden, wird das vermutlich wenig kratzen, sie sind anderes gewohnt. Über ein Netzwerk von Agenten machen sie Geschäfte mit Regierungen in rohstoffreichen Ländern. Die bestehen allerdings zu einem großen Teil aus rücksichtslosen und korrupten Diktaturen. Das Magazin "Foreign Policy" listet Beispiele aus Ländern wie den Russland, Kasachstan, Rumänien, dem Kongo, Sambia, Äquatorial-Guinea und Elfenbeinküste auf. Überall dort kauft Glencore Rohstoffe in Minen, Ölförderanlagen und Industriekonzernen auf. Die Mittelsmänner erledigen dabei das "Drecksgeschäft". Als "herausfordernde politische Verhältnisse" umschreibt die Deutsche Bank euphemistisch solche Regime und den Umgang mit ihnen.

Glencore weist alle Vorwürfe zurück und spricht gerne von den sozialen Projekten, die der Konzern in Afrika unterstützt.

"Wir sind alles Banditen hier", beschreibt es ein Händler, der ungenannt bleiben will, in "Foreign Policy" - mit Zigarre auf der Terrasse eines Genfer Nobelrestaurants. Die Schweiz wurde zum Anziehungspunkt für große Rohstoffhandelskonzerne. Deren Umsatz übersteigt bereits die gesamte Schweizer Wirtschaftsleistung.

Die Schweiz als beliebter Sitz für Rohstoffkonzerne
Nicht nur Glencore, das vom (auch in Österreich) berühmt-berüchtigten Händler und Investor Marc Rich gegründet wurde, sitzt in der Schweiz, sondern auch deren Alter Ego Xstrata (Glencore hält 35 Prozent). Cargill ebenso wie Mercuria (Energie). Trafigura überholte Nestlé ebenfalls umsatzmäßig. Die Ölhändler Vitol und Gunvor haben Sitze in Genf. Gunvor gehört zum russischen Oligarchen Gennady Timchenko. Glencore ist mit 10 Prozent an Oleg Deripaskas Rusal (Aluminium) beteiligt.

Die Konzentration von Rohstoffkonzernen in der Schweiz hat die USA mehr als misstrauischer gemacht, und auch die Schweizer Politik ist schon hellhörig geworden. In Bern will man Erfahrungen wie mit den Banken nicht noch einmal machen. Bei den USA dürfte das nicht klappen. Die Rohstoffhändler machen - ebenfalls über Umwege - Geschäfte mit Embargo-Ländern wie dem Iran. Die US-Regierung erhöhte deshalb zuletzt den Druck auf die Schweizer Regierung.

Für die Rohstoffkonzerne hat die Schweiz mehrere Vorteile: Bankgeheimnis, niedrige Steuern, hoher Lebensstandard - und kein EU-Mitglied. Während also die EU versucht, die Rohstoffgeschäfte transparenter zu machen, bietet die Schweiz Konzernen wie Glencore gute Bedingungen, um ihre Verschwiegenheit zu pflegen.




Schlagwörter

Energie, Rohstoff, Glencore

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-22 19:20:08
Letzte Änderung am 2012-08-23 11:45:17


Werbung



Beliebte Inhalte



Freundliches Lächeln zwischen Vizemarschall Choe Ryong-hae und Präsident Xi Jinping. - ap
  • Erstmals unter Kim Jong-un besucht ein nordkoreanischer Gesandter Peking
  • weiter
  • Update vor 59 Min.

Wer braucht Gewerkschaften, wenn die Mitarbeiter eingebunden sind? Frank Stronach regelt Konflikte lieber selbst. - apa/Michael Gruber
  • Salzburger Stronach-Mann weicht in Debatte um Gewerkschaft vom Chef ab.
  • weiter

"Totally sexy" lautet hier das Motto. Und das um jeden Preis. - Luiza Puiu
  • Label balanciert auf dem schmalen Grat zwischen sexy und ordinär.
  • weiter

Alaba im Glück. - apa/Jäger
  • David Alaba zieht als erster Österreicher der Geschichte ins Finale der Besten ein.
  • weiter

Haben die Wiener Senioren mehr Weitblick als die eigene Partei? - Rösner
  • Die "rote Basis" macht Urlaub - und schimpft über die (grüne) Stadtpolitik.
  • weiter

Eine erste Teststrecke beim Westbahnhof wurde grün angemalt. - APAweb / Georg Hochmuth
  • City-Chefin Stenzel: Grüne geben Steuergelder für Parteiwerbeaktion aus.
  • weiter

Schütze Bosko Rasovic trainiert fünfmal pro Woche. S. Jenis
  • Rund 24.000 Wiener haben eine Waffenbesitzkarte.
  • weiter

Reinhard Göweil Die fünf Agrarkonzerne Monsanto, Pioneer, Syngenta, Limagrain und Bayer kontrollieren weltweit zirka 63 Prozent des Saatguts...weiter





Gottfried Helnwein, Peinlich, 1971,

Die Wolldecke eines Navajo-Häuptlings wurde bei Sothebys in New York für rund 221.000 US-Doller versteigert. Es war die erste Auktion aus dem Nachlass der Sammlung Andy Williams, des bekannten US-amerikanischen Popsängers und Fernsehentertainers. Chondrocladia lyra, ein fleischfressender Schwamm, lebt über drei Kilometer tief im Pazifik vor der Küste von Kalifornien. Die Art wurde von der Universität von Arizona in Tempe (USA) für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt.

"Erstbegehung" des Wiener Wahrzeichens:  Slackliner Christian Waldner arbeitete sich in 60 Metern über dem Boden Schritt für Schritt vom großen Steffl-Turm (Südturm) bis zum südlichen Heidenturm vor und tänzelte nach kurzer Verschnaufpause wieder retour. Der Drahtseilakt dauerte rund zehn Minuten. Nach Sony (PlayStaion 4) und Nintendo (WiiU) hat nun auch Microsoft seine Vision der zukünftigen Spielkonsolenwelt vorgestellt. Kinect Group Program Manager Scott Evans demonstrierte bei der Präsentation der "Xbox One" gleich einmal den neuen Kinect-Sensor, der nun nicht mehr als Zubehör erhältlich sein wird, sondern fix im Lieferumfang enthalten sein wird.

Werbung