
Salzburg. Gäbe es das Fahrverbot in der Salzburger Hofstallgasse nicht, die Autofahrer hätten am Dienstagmorgen Merkwürdiges erschaut. Kein Glamour-Remmidemmi freilich. Um acht Uhr morgens geruhen die Festspielgäste, sich noch in den Laken zu aalen. Und der glänzende Tross der Sponsor-Karossen wird auch erst wieder am Abend anrollen. Das Eigenartige an diesem Morgen waren vielmehr jene Verkehrsschilder, die am Straßenrand prangten. Pfeile wiesen darauf in Richtung Paris, Lyon und Bordeaux. Freilich tat man gut daran, sie nicht allzu ernst zu nehmen - handelte es sich doch um Requisiten der "Bohème", die soeben in Lkws verfrachtet wurden. Beim Koproduktionspartner in Shanghai winkt den scheinbaren Wegweisern ein zweites Leben.
Gefälliger Generalismus
Für das heurige Opernaufgebot in Salzburg sind sie bezeichnend. In Summe mutet die Königskategorie des Festivals, das noch bis 2. September läuft, heuer nämlich recht richtungslos an. Wohl ist die Fülle an sich ehrfurchtgebietend: In seinem ersten Jahr prunkt Intendant Alexander Pereira, um Sponsorgelder bekanntlich nie verlegen, mit fünf Neuproduktionen (2011: deren drei). Ein üppiger Opernköcher, in dem dann auch noch zwei Wiederaufnahmen und zwei konzertante Werke steckten.
So mannigfaltig das Programm, so sehr aber fehlte ein klares Profil. Die Extremwerte: Der erwähnte Gassenhauer "La bohème" - serviert als gefälliges Entertainment; Bernd Alois Zimmermanns zwölftönende "Soldaten" - realisiert als fesselndes Gräuelspektakel.
Nun ist bei einem Festivalriesen wie Salzburg ein gewisses Maß an Durchmischtheit vorprogrammiert. Alljährlich regiert hier mehr oder minder ein Generalismus, der das Alt- neben das Neutönende, das gewagte neben das gewohnte Werk stellt. Das füllige Opernprogramm des Jahres 2012 aber barg nicht nur extreme Anforderungskontraste. Es war mit etlichen Problemzonen geschlagen: Das vollends Gelungene wirkt darin fast wie ein Fremdkörper.
Künstlerpech am Regiepult: Da zerfiel die "Zauberflöte" in teils ulkiges Stückwerk, geriet die "Bohème" zu Allerweltskitsch; und erneut tanzte "Carmen" in den dekorativen Kulissen der Osterfestspiele. Wobei Pereira für diese Wiederaufnahme nichts kann, weil sie vor seiner Kür paktiert wurde. So ganz froh machte aber auch die grellhumorige Regie von Händels "Giulio Cesare" zu Pfingsten nicht, die auf Pereiras Geheiß wiederkehrt.
Dennoch: Ganz missglückt kann man all das nicht nennen. Eher mäßig. Denn der 64-jährige Neo-Intendant ist ein begnadeter Musiker-Headhunter: Mozart, singulär vergeistigt von Dirigentenlegende Nikolaus Harnoncourt; Anna Netrebko und Piotr Beczała als Puccini-Traumpaar; Cecilia Bartoli als Kleopatra - wer hat das sonst?
Dass Pereira die Stars bisweilen um ihrer selbst willen auf die Bretter scheucht, ist aber auch nicht zu übersehen. Rolando Villazón, Ex-Meister des Tenorschmelzes, umfriedet von schlankem Originalklang - eine seltsame Allianz im Konzertsaal. Apropos: Dort glänzt Pereira am stärksten als Generalist. Seine "Ouverture spirituelle" vor der offiziellen Eröffnung: Eine pfiffige Idee, mit geistlicher Musik in die Kirchen zu expandieren; manche Sternstunde war die Folge. Wobei das normale Konzertprogramm mit (gemäßigter) Neuton-Schiene und illustren Musikern mehr als passabel bestückt war.
Fragt sich nur: Wo blieb das Riskante, für das solche Festivals nicht zuletzt gut sind? Es beschränkte sich dann doch nicht auf das Gezänk zwischen Pereira und dem Kuratorium über das Budget für 2013 - wobei diese "Ouverture pécuniaire" ja kurz vor Festspielbeginn gütlich beigelegt war. Zwar stieß dann die Premiere des "Zauberflöte"-Sequels "Das Labyrinth" im Feuilleton auf bescheidene Gegenliebe; dafür konnte sich Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf (siehe unten) mit seiner ausgeklügelten Regie-Rettung für Richard Strauss ursprüngliche "Ariadne" zurecht im Applaus suhlen. Und als gänzlich gelungene Premiere durften die erwähnten "Soldaten" am 20. August gelten: ein später Triumph für die heurigen Festspiele - und der Anlass, zumindest noch von einer durchwachsenen Opernbilanz sprechen zu können. Als Nachweis für Pereiras vollmundige Festspiel-Vision von einem "Impulsgeber für die gesamte Weltkulturszene" ist dies alles freilich noch zu wenig.