London. 36 Stunden lang zwang sich die gesamte britische Presse zur Zurückhaltung. Während alle Welt längst "die Harry-Fotos" bestaunte, hoben in London nicht mal die unverfrorensten Boulevard-Redaktionen den nackten Prinzen ins Blatt. Dann, in der Nacht auf Freitag, kündigte Rupert Murdochs "Sun" dem Rest der Presse die kurzzeitige Solidarität auf. Es sei "pervers", dass man die überall sonstwo veröffentlichten Bilder in Harrys Heimat nicht drucken dürfe, erklärte das Blatt trotzig. Der große Boss, jenseits des Atlantik, soll höchstpersönlich grünes Licht zum Abdruck gegeben haben.

Erstmals konnten so auch die Briten gestern, mit etwas Verspätung, ihren Armee-Hauptmann und Dritten der britischen Thronfolge bei seinen Las-Vegas-Strip-Eskapaden in einer ihrer Zeitungen bestaunen. Zuvor waren sie aufs Internet angewiesen gewesen. In den normalen Insel-Medien herrschte bis Freitagmorgen ein faktischer Blackout. Ausgerechnet im frivolsten Blätterwald auf Erden rauschte es harrymässig kein bisschen.
Anwälte sind in Marsch
Der Grund für diese erstaunliche Zurückhaltung war ein zweifacher. Zum einen hatte, kaum dass am Mittwoch die Existenz der Bilder bekannt wurde, Prinz Charles seine Anwälte auf die Zeitungsverlage im Lande losgelassen. In einem über die Presse-Beschwerdestelle, die Press Complaints Commission (PCC), geleiteten Schreiben forderte Charles Anwaltskanzlei Harbottle & Lewis die Damen und Herren Chefredakteure auf, die fraglichen Bilder nicht zu drucken, weil dies Harrys Privatsphäre verletzen würde. Bei Zuwiderhandlung, hieß es im Anwaltsbrief, behalte sich die königliche Familie "weitere Schritte vor". Dass damit ein gerichtliches Vorgehen gegen einzelne Zeitungen gemeint gewesen sei, hat man bei Hofe inzwischen dementiert. Die Drohung allein aber zeigte unmittelbare Wirkung. Und das hat mit dem zweiten Grund für dieses anfängliche Schweigen zu tun.
Seit den jüngsten Abhör-Skandalen der Murdoch-Blätter und den öffentlichen Anhörungen Lord Levenson zur Moral im Pressewesen sind die Verlage nervös geworden, wo es um mögliche Verletzungen der Privatsphäre britischer Bürger geht. Im Augenblick sitzt Levenson gerade an der Niederschrift seiner Empfehlungen zur künftigen Aufsicht über die Presse. Die Frage ist, ob die britische Presse sich weiter selbst soll kontrollieren dürfen - oder ob an gesetzliche Kontrollen gedacht werden muss.