Wien. Eine Chance für visionäre Wissenschaft in ganz großem Stil soll das von der EU ins Leben gerufene FET-Flagship-Programm bieten. Ein bis zwei Großprojekte werden nach der noch 2012 stattfindenden Entscheidung in den kommenden zehn Jahren mindestens eine Milliarde Euro zur Verfügung gestellt bekommen. Internationale Vertreter von drei der insgesamt sechs noch im Rennen verbliebenen Projekte aus dem Bereich Future and Emerging Technologies (FET) geben im Rahmen der Alpbacher Technologiegespräche unter dem Titel "Neue Technologien, die unser Leben verändern" Einblicke in ihre Vorhaben. Eines der heute, Samstag, vorgestellten Projekte würde mit starker Beteiligung heimischer Forscher über die Bühne gehen.
Als Projektkoordinator von "Information Technology Future of Medicine" (ITFoM) fungiert der aus Österreich stammende Chemiker Hans Lehrach vom Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik in Berlin. Das ehrgeizige Ziel besteht darin, auf Basis von Erkenntnissen aus den Biowissenschaften umfassende Computermodelle zu erstellen - also eine Simulation biologischer Abläufe im menschlichen Körper oder einen "virtuellen Patienten" zu entwickeln.
Das sehr komplexe Zusammenspiel
"Bei ITFoM geht es darum, wie wir wirklich die Individualität einer Erkrankung eines Menschen in der Medizin erfassen und der Medizin zugänglich machen können", so Kurt Zatloukal von der Medizinischen Universität Graz. Bisher habe man bei der Erforschung einer Krankheit meistens versucht, einzelne Prozesse oder Moleküle, die an ihrer Entstehung beteiligt sind, zu verstehen. "Weil Biologie nicht einfach aus Einzelelementen, sondern aus einem sehr komplexen Zusammenspiel vieler Elemente besteht", stoße dieser Ansatz aber immer mehr an seine Grenzen. "Wir müssen die Interaktion, also das gesamte System verstehen", betonte der Forscher, der im Rahmen des Projekts die medizinische Forschung koordinieren würde.
ITFoM will einen wissenschaftlichen Paradigmenwechsel in Gang setzen. Es gehe darum, Erkrankungen nach den "betroffenen biologischen Prozessen, die dahinter stehen" zu definieren, was "überhaupt zu einem neuen Verständnis von Krankheit" führen könnte, so Zatloukal. Die Überlegung: Gemeinsame Mechanismen müssten auch gemeinsam durch bestimmte Medikamente therapierbar sein.
"Ein wichtiges Element der europäischen Forschungslandschaft"
Eine komplette mathematische Modellierung der biologischen Abläufe im menschlichen Körper werde man sicherlich nicht erreichen, "aber dass man das in konkreten Organsystemen schaffen wird oder etwa bei biologischen Prozessen, die das Zellwachstum regulieren, kann ich mir gut vorstellen", erklärte der Forscher.
Das Flagship-Programm sieht der Grazer Forscher als "wichtiges Element in der europäischen Forschungslandschaft". Es brauche große fokussierte Initiativen, wenn man wirkliche Paradigmenwechsel anpeile. Derart breite Ansätze seien in manchen Bereichen wie den Biowissenschaften allerdings noch "relativ neu".
In Alpbach wird ITFoM von Hans Westerhoff präsentiert. Der Biochemiker und Direktor des Manchester Centre for Integrative Systems Biology (MCISB) ist einerseits Experte für mathematische Modellierungen von biologischen Prozessen, andererseits wird er die Aufgabe übernehmen, die neu entwickelten Technologien letztendlich in ein Gesamtsystem zu integrieren. Neben Westerhoff wird der Robotik-Spezialist Gordon Cheng von der TU München erklären, wie im Rahmen des Projekts "Robot Companions for Citizens" eine neue Generation von Assistenzrobotern realisiert werden soll. Adrian Ionescu, Halbleiterphysiker an der ETH Lausanne, wird darüber sprechen, was unter dem Forschungsvorhaben "Guardian Angels" zu verstehen ist.