New York. Ein Platzproblem, ja, das wars. Der 52-Jährige soll sich in seiner Bewegungsfreiheit eingeengt gefühlt haben, der Raum, den sein mit Wasserflaschen, esoterischen Ölen und Billigst-Sonnenbrillen vollgestopfter Karren einnahm, war nach Erachten seiner Nachbarn zu groß. Unter den fliegenden Straßenhändlern von New York City zählen die Gehsteige rund ums Baseball-Stadion der Yankees zu den begehrtesten Standplätzen des Bezirks, an Spieltagen werden sie von bis zu 100.000 Menschen gesäumt. Viele von ihnen bleiben bis spät in die Nacht in der Bronx, hängen nach den Spielen in den umliegenden Bars und Restaurants ab.

Der Streit um diese Laufkundschaft wird erbittert geführt, und der Mann mit dem Karren galt in diesem Geschäft als Veteran. Bis er in der Nacht von Donnerstag auf Freitag die Nerven verlor, um halb zwei Uhr morgens. Eine halbe Stunde später fanden sich ein Zeitungsverkäufer und ein Imbisstandbesitzer im Spital wieder, in ihren Körpern steckten ein halbes Dutzend Kugeln. Der Mann mit dem Karren lieferte sich den Cops aus, ohne Widerstand. Er habe "lediglich sein Territorium verteidigen wollen", sagte er. Eine untypische, aber nicht ungewöhnliche Episode aus dem Alltag der größten Stadt Amerikas, und nachdem die Opfer, schwer verletzt aber doch, überlebten, nahmen die Dinge ihren Lauf. Der Vorfall wurde medial vermerkt, die Streifen rund ums Stadion verstärkt, Business as usual.
Sechseinhalb Stunden später und 15 Kilometer weiter südlich machte sich der auf der noblen Upper East Side von Manhattan lebende T-Shirt-Designer Jeffrey Johnson ins Geschäftsviertel Midtown auf, um einen seiner Ex-Arbeitskollegen auf offener Straße zu ermorden. Der 58-Jährige grüßte seinen Doorman, stieg in die U-Bahn, fuhr zur 33. Straße und wartete, bis Steve Ercolino in einem Restaurant nahe des Empire State Building fertig gefrühstückt hatte. Dann schoss er dem 41-jährigen Vater einer Tochter ein paarmal in den Kopf, steckte seine Pistole wieder ein und spazierte Richtung Fifth Avenue. Nachdem ein paar Bauarbeiter die Szene ungläubig verfolgt hatten, informierte einer von ihnen zwei Polizisten, die Johnson stellten.
Nachdem sich der Pulverdampf gelegt hatte, war Johnson tot und neun Menschen, die gerade auf dem Weg zur Arbeit und zum Einkaufen waren, lagen auf der Straße vor dem New Yorker Wahrzeichen, getroffen von verirrten Kugeln der Polizei. Außer dem Täter erlitt niemand tödliche Verletzungen, aber mit der Gewissheit, dass es in New York 2012 Orte gibt, an denen man sich hundertprozentig sicher fühlen kann, ist es seitdem vorbei. Genau darin liegt die Wirkung der Tat des ehemaligen Textilarbeiters, der seine Entlassung im vergangenen Jahr nicht verwunden hatte und seine Wut und seine Ohnmacht auf den ehemaligen Arbeitskollegen projizierte; und genau darin liegt auch der Unterschied in der Rezeption dieser beiden Verbrechen, die sich nicht einmal innerhalb eines halben Tages abspielten.
Ein mulmiges Gefühl
Die Mordrate New York Citys ist die niedrigste seit Beginn der Erhebungen. Die 8,3-Millionen-Stadt ist statistisch gesehen sicherer als je zuvor; im ersten halben Jahr kamen 193 Menschen durch die Hand anderer ums Leben. Anfang der Neunziger waren es noch weit über tausend. Aber seitdem die Bilder von Jeffrey Johnson um die Welt gingen, ist es plötzlich wieder da, dieses unbestimmte Gefühl, dass es im Bauch der urbanen Idylle, deren Bild Bürgermeister Michael Bloomberg unermüdlich propagiert, brodelt. Johnsons Kugeln trafen ins Herz der Stadt, und die Spuren, die sie hinterlassen, sind nicht auszuwischen, Einzeltäterschaft hin, Zero-Tolerance her.
Nicht, dass es in New York nicht immer noch Gegenden gebe, in denen sich die Leute möglichst nahe an den Hausmauern bewegen, um notfalls schnell in einen Hauseingang schlüpfen zu können, auf der Suche nach Schutz vor verirrten oder gezielten Kugeln. In Brownsville, West Bronx, East New York vergehen keine zwei, drei Tage, ohne dass irgendjemand von einer Kugel getroffen wird. Aber in den Wochen vor Jeffrey Johnsons Tod knallte es auch auf den Spielplätzen und den Straßenecken von Manhattan, in Harlem, an Orten an denen keine zehn Minuten vergehen, ohne dass ein Polizeiauto vorbei patrouilliert. Ein halbes Dutzend Minderjähriger starb. Aber erst jetzt, nach Jeffrey Johnsons Tat, beginnen die Medien von einem "Blutsommer" zu schreiben. Vom verzweifelten Protest der Großmütter der Opfer, die sich in der vergangenen Woche im Rahmen einer von einer Bürgerrechtsorganisation organisierten Aktion an diesen Spielplätzen und Straßenecken aufstellten, nahm kaum einer Notiz.