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Update: 07.01.2013, 21:16 Uhr
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Ulrich Seidl im Interview zu den Blasphemie-Vorwürfen zu seinem Film

"Skandale sind gut"


Von Alexandra Zawia, Venedig

  • "Paradies: Glaube" läuft im Wettbewerb der Filmfestspiele in Venedig.

Ulrich Seidl: "Die Wahrheit zu zeigen, provoziert eben oft einen Skandal." - Matthias Greuling

Ulrich Seidl: "Die Wahrheit zu zeigen, provoziert eben oft einen Skandal." Matthias Greuling

Ulrich Seidls neuer Film "Paradies: Glaube" regt seit Tagen auf. Der Streifen läuft im Wettbewerb beim Filmfestival Venedig. Am Montag hat nun eine ultrakonservative katholische Organisation "NO 194" den Regisseur, die Schauspielerin Maria Hofstätter, die Filmproduzenten, sowie die Leiter des Filmfestivals von Venedig angezeigt. Der Vorwurf lautet auf Blasphemie.

"Paradies: Glaube" erzählt von einer radikalen Christin, die missionierend von Haus zu Haus zieht. In einer Szene wird gezeigt, wie die Hauptdarstellerin Maria Hofstätter mit einem Holzkreuz masturbiert.

Im Interview mit der "Wiener Zeitung" am Lido von Venedig nimmt Seidl zu den Reaktionen auf seinen Film Stellung, erzählt aber auch, welche Einstellung er selbst zur katholischen Kirche hat, nachdem er in einem streng katholischen Elternhaus aufwuchs.

Wiener Zeitung: In Italien hat man auf Ihren Film sehr angegriffen reagiert. Sie werden wegen "Blasphemie" geklagt, von einem "Skandal" ist die Rede. Wie empfinden Sie solch ein Echo?

Ulrich Seidl im Interview

Ulrich Seidl: Als befriedigend. Wenn ich einen Film mache, geht es mir darum, die Wahrheit zu zeigen. Zumindest, wie ich sie sehe. Da rechne ich mit ein, dass es jemandem missfallen könnte, wie ich die Realität sehe. Für die Figur im Film ist es richtig, etwa jene Masturbationsszene zu zeigen, sie macht hier Liebe mit Jesus. Dass dies ein Tabu ist, bedeutet ja nicht, dass ich es nicht zeigen darf. Anna-Maria handelt grundsätzlich in ihrer Überzeugung, geleitet von ihrer Liebe zu Jesus. Ich zeige das, ich bewerte es nicht. Jedenfalls aber ziehe ich den Aufruhr der Ruhe immer vor.

Interessiert Sie der Tabu-Bruch generell in Ihren Filmen?

Nein, das darf auch nie das Ziel sein. Aber die Wahrheit zu zeigen, die Realität, wie sie ist, provoziert eben oft einen Skandal. Doch das ist gut. Skandale bewirken einen Austausch, einen Denkprozess.

Wo sehen Sie die Verbindung zwischen Relegion und Sexualität?

In dieser Verbindung nimmt Glaube eine pervertierte Form an. Über Jahrhunderte hinweg, hat die katholische Kirche Sexualität unterdrückt und natürlich führt dies irgendwann zu einer Gegenbewegung. Während die Kirche ständig sexuelle Tabus hochhält, passieren hinter verschlossenen Türen die schrecklichsten Dinge. Das ist ein Skandal. Aber es ist auch die logische Konsequenz. Die Unterdrückung von Sexualität bewirkt eine Erosion der Moral. Anna-Maria im Film ist davon überzeugt, dass die Medien, die Gesellschaft dem Sex verfallen ist. Dafür geißelt sie sich selbst, was ihr wiederum Lust verschafft. Es ist nur eine dünne Linie zwischen Schmerz und Lust.

Ulrich Seidl im Interview



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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-09-01 18:09:39
Letzte Änderung am 2013-01-07 21:16:53


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