
Cleveland. Unter die Eisenbahnbrücke geht der amerikanische Traum zum Sterben hin. Rostige Pfeiler schützen den Palast der Einsamkeit vor Wind und Regen, nur da und dort hat Sickerwasser Pfützen geschlagen. In der Mitte des Raumes hat der König seinen Thron aufgebaut, aus Kisten, alten Stühlen und Lumpen. Eine Dose Bier hält er als Zepter in der Hand. Er heiße Darren, sagt der Mann, er komme aus dem Nichts und gehe nirgendwohin. Nur hier herrsche er. Gekrönt hat ihn das Schicksal.
Cleveland ist ein hartes Pflaster. Früher hat Ohio, der Staat ringsum, von der Schwerindustrie gelebt, es gab Millionen Arbeitsplätze in Autofabriken und Stahlwerken. Heute sind die Jobs verschwunden. Ökonomen sprechen von einem "verlorenen Jahrzehnt" der wirtschaftlichen Entwicklung - das reale Familieneinkommen sei im Schnitt um ein Fünftel gesunken. Allein in der Metropole Cleveland, der einwohnerreichsten Region in Ohio, leben laut Statistik 17 Prozent der Bevölkerung in Armut. Auf der Straße sieht man Mutlosigkeit in den Gesichtern. Junge Menschen ziehen weg, Alte bleiben zurück.
Die ökonomische Misere kann auch die Politik nicht ignorieren, sind doch dieses Jahr Präsidentenwahlen, und Ohio gilt als Schlüsselstaat. Beinahe jede Woche kommen Amtsinhaber Barack Obama und sein Kontrahent Mitt Romney hierher, um Wähler auf ihre Seite zu ziehen. Bisher hat allerdings kaum ein politisches Rezept geholfen.
Nächstenliebe, Armut und die Kirche
Am Stadtrand von Cleveland, entlang der Ausfallstraße Euclid Avenue, rufen die Kirchenglocken zur Sonntagsmesse. Eine Schar von ein paar Dutzend Menschen ist gekommen, Alte und Kranke, Afroamerikaner und Weiße, Familien und Alleinstehende, die Hoffnungsvollen und die Verlassenen, um die Predigt der Pastorin mit dem klingenden Namen Courtney Clayton Jenkins zu hören.
Nächstenliebe sei ihr Thema, sagt die schwarze Priesterin, es gehe um Gemeinschaft und das für einander da sein. "Geht wählen", ruft sie in die Menge. Sie könne nicht sagen, für wen die Gemeinde stimmen solle, aber sie wolle daran erinnern, dass auch Jesus den Armen geholfen habe, dass er geteilt habe mit seinen Brüdern und Schwestern.
Längst haben viele Familien finanzielle Schwierigkeiten, darum geht auch die Kirche in der Euclid Avenue mit der Zeit. An den Abenden wird eine Schuldnerberatung angeboten, sowie Beratungsgespräche für Menschen, bei denen Geld- mit Alkohol und Suchtproblemen einhergehen. "Vielen von uns geht es schlecht", sagt Pastorin Jenkins in ihrer Predigt. "Aber wir dürfen den Glauben nicht verlieren, trotz der Krise, trotz der Rezession. Gott wird uns helfen". Die Gläubigen antworten ihr mit einem frommen Amen.