Wien. Visions- und Mutlosigkeit attestiert der Verleger Hans-Jörgen Manstein der Medienbranche und der Politik zum Auftakt der Österreichischen Medientage. Schonungslos ging Manstein in seiner Eröffnungsrede mit den Medienmachern ins Gericht, denen er Profitgier statt Verantwortung und Visionen vorwarf. Sie hätten die Medien mit ihrer Visionslosigkeit ans "offene Grab" geführt. "Da helfen auch keine Redaktionszusammenlegungen zwecks Hebung von Synergieeffekten."
Inhalt sei mittlerweile zu Content degradiert, zur Ware oder zum Auffüller. Die Vision heiße Zielgruppenabdeckung zur Inseraten-Optimierung. "Daher wurde es auch völlig egal, ob die Medien gekauft werden oder verschenkt, ob Medien eine Mission haben oder ein Marketingprodukt sind. Auf diese Weise kam uns das Gespür für den Inhalt abhanden, der allein ein Medium rechtfertigt", so Manstein. Profit sei wichtig, räumte der Verleger ein, aber er sei "kein Ersatz für Visionen - und schon gar nicht Voraussetzung".

Kritik am ORF
Wer das nicht erkenne, werde - mangels Vehikel - bald keine Gewinne mehr machen und keine Werte schaffen, warnte Manstein etwa in Richtung der Eigentümervertreter der Austria Presse Agentur, "die von einem gewinnbringenden Unternehmen noch höhere Renditen fordern und zu diesem Zweck sicherheitshalber eine Einsparung bei den Redaktionskosten verlangen". Manstein bezeichnete diese Forderung als "nicht zu Ende gedacht", da die Medien zu einem großen Teil von APA-Meldungen leben würden. "Man würgt sich selbst ab, was man braucht."
Kritik übte der Verleger auch am ORF, der die miserable Bezahlung seiner freien Mitarbeiter toleriere, sowie an der generell schlechten Bezahlung freier Journalisten in der Medienbranche, die er als "niederträchtig" bezeichnete. "Denk' ich an die Medien, dann fallen mir anstatt von Visionen Schreibsklaven ein."
Die Politik bekam ihr Fett ab
Auch die Politik bekam in Mansteins traditionell kritischen jährlichen Rede ihr Fett ab. "Was soll man überhaupt noch erhoffen von einer politischen Klasse, die seit mehreren Generationen schon visionslos an tägliche Probleme herangeht, an morgen und übermorgen nicht denkt, für die Zukunftsgestaltung ein Fremdwort ist oder maximal angstbesetztes Verdrängen", fragte der Verleger. Politik und Politiker seien damit beschäftigt, zaghaft ihre Macht erhalten zu wollen, ohne zu bemerken, "dass sie damit den eigenen Untergang zelebrieren. Und auch den des Staates. Es ist nicht gut bestellt um diese Republik."