
Washington. Vom Atomstreit mit dem Iran bis zu den wirtschaftlichen Problemen in der Heimat haben sich US-Vizepräsident Joe Biden und der republikanische Vizekandidat Paul Ryan bei ihrem einzigen Fernsehduell einen schneidigen Schlagabtausch geliefert. Biden zeigte sich bei der Debatte am Donnerstagabend deutlich angriffslustiger als Präsident Barack Obama bei seinem Duell in der vergangenen Woche mit Herausforderer Mitt Romney.
Anders als sein Chef nahm Biden die umstrittene Aussage Romneys über die "47 Prozent" der Wähler ins Visier, die wegen ihrer Abhängigkeit vom Staat ohnehin für Obama stimmen würden. "Diese Leute sind meine Mutter und mein Vater, meine Nachbarn", sagte der Vizepräsident bei der Debatte am Centre College in Danville im Bundesstaat Kentucky. "Sie zahlen mehr Steuern als Gouverneur Romney." Der Multimillionär Romney hatte offengelegt, in den Jahren 2010 und 2011 Steuersätze von lediglich um die 14 Prozent gezahlt zu haben.
Sozial ungerechte Steuerpläne
Biden warf dem republikanischen Präsidentschaftsduo sozial ungerechte Steuerpläne vor. "Sie nehmen die Mittelschicht als Geisel, um die Steuern für die Superreichen zu senken", sagte er. Unter Obama würde der wohlhabendste Teil der Bevölkerung "etwas mehr zahlen", um die Mittelschicht zu entlasten.
Ryan entgegnete, dass die republikanischen Steuerpläne zu mehr Wachstum und Jobs führen würden. Zugleich bestritt der Kongressabgeordnete aus Wisconsin, dass die Steuerlast der Reichen sinken werde, da Romney Schlupflöcher schließen wolle. Die Abgaben für mittlere Einkommen würden nicht erhöht, versicherte Ryan, der als Chef des Haushaltsausschusses im Repräsentantenhaus die Fiskalpolitik der Republikaner maßgeblich geprägt hat.
Versager im Kampf gegen Wirtschaftskrise
Der Republikaner warf Obamas Regierung ein Versagen im Kampf gegen die Wirtschaftskrise vor. "Wir gehen in die falsche Richtung." In den USA hätten 23 Millionen Menschen Probleme, einen Job zu finden; 15 Prozent der Bevölkerung lebten in Armut. "Ein echter Aufschwung sieht anders aus", sagte Ryan. Biden betonte dagegen, dass sich die Wirtschaft bei Obamas Amtsübernahme im "freien Fall" befunden habe. Die Regierung habe mit Steuersenkungen für die Mittelschicht und der Rettung der US-Autoindustrie gehandelt.
Der 69-jährige Biden und der 27 Jahre jüngere Ryan kreuzten auch in der Außenpolitik die Klingen. Der Vizepräsident sagte, Obama habe die USA während seiner ersten Amtszeit mit "ruhiger Hand und klarer Vision" geführt. Der Präsident habe sein Versprechen gehalten, den Krieg im Irak zu beenden. Außerdem habe Obama die Weichen für einen Abzug aus Afghanistan gestellt und Al-Kaida-Chef Osama bin Laden zur Strecke gebracht.
Ryan warf der Obama-Regierung dagegen vor, den Stand der USA in der Welt geschwächt zu haben. Als Folge der "außer Kontrolle geratenen" Außenpolitik Obamas führte Ryan den Angriff auf das US-Konsulat im libyschen Benghazi vom 11. September an, bei dem Botschafter Chris Stevens und drei weitere US-Bürger getötet worden waren.
Mit Blick auf die harsche Rhetorik Romneys im Atomstreit mit dem Iran warnte Biden vor "einem weiteren Krieg". Auch Obama werde alles tun, um einen nuklear bewaffneten Iran zu verhindern. Von der Atombombe sei Teheran aber noch "ein gutes Stück entfernt", sagte der Vizepräsident. Ryan erklärte die Bemühungen Obamas, die Regierung in Teheran zum Einlenken zu bewegen, dagegen für gescheitert. Die Drohung des Präsidenten mit "militärischen Optionen" werde von der iranischen Führung nicht ernst genommen.
Erste Umfragen lieferten ein gemischtes Bild zum Ausgang der einzigen Fernsehdebatte dieser beiden Politiker. Bei CNN lag Ryan mit 48 zu 44 Prozent vorne. Bei den zahlreichen noch unentschiedenen Wählern schnitt indes Biden deutlich besser ab. In der Gruppe, die bei der Wahl eine entscheidende Rolle spielen dürfte, kam er in einer Erhebung des Nachrichtenkanals CBS News auf 50 Prozent, Ryan erreichte 31 Prozent. "Ich würde sagen, es war ein Unentschieden", sagte der Kommunikationsexperte David Steinberg von der Universität von Miami. "Aber das Unentschieden geht an den Amtsinhaber."
Obama lobte den Auftritt seiner Nummer zwei: "Ich denke, Joe Biden hat das heute Nacht hervorragend gemacht", sagte er nach der Rückkehr von einem Wahlkampfauftritt. "Ich könnte nicht stolzer auf ihn sein." Am nächsten Dienstag muss er erneut gegen Romney in den Ring steigen, danach noch einmal am 22. Oktober.