Brüssel/Oslo/Wien. 503.824.373 Europäer dürfen sich freuen: Ob sie jetzt in ihren Lebenslauf unter "Auszeichnungen" auch "Trägerin des Friedensnobelpreises 2012" schreiben könne, twitterte eine junge EU-Bürgerin launig. Warum nicht? Die Auszeichnung geht an die EU und die Union, da sind auch die europäischen Bürgerinnen und Bürger gemeint und nicht nur Brüsseler Institutionen.
Frankreichs Präsident François Hollande scheint diese Meinung zu teilen: "Jeder Europäer kann stolz darauf sein, Mitglied einer Gemeinschaft zu sein, die in der Lage gewesen ist, Frieden zwischen Völkern zu stiften, die lange Zeit verfeindet waren", hieß aus dem Élysée-Palast. Das Nobelpreiskomitee sieht in der Verleihung des Preises offenbar eine Rückenstärkung für überzeugte Europäer: "Wir wollen laufende und noch unfertige Entwicklungen für den Frieden mit dem Preis unterstützen", sagt der Chef im Nobelkomitee, der 61-jährige Sozialdemokrat, Ex-Regierungschef und jetzige Generalsekretär des Europarates Thorbjørn Jagland.
Jagland sieht deshalb keinen Widerspruch zwischen der diesjährigen Entscheidung und dem in der derzeitigen Krise alles andere als strahlenden Erscheinungsbild der EU: "Wir sehen auch, dass Extremismus und Nationalismus wieder auf dem Vormarsch sind. Der Preis ist ein Signal, dass das Erreichte gesichert werden muss."
Die Auszeichnung sei eine Ermahnung, was verloren ginge, "wenn der Union das Auseinanderbrechen gestattet würde". Die EU habe eine Schlüsselrolle bei der Umwandlung Europas von einem Kontinent des Krieges in einen des Friedens gespielt. Die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich nach drei Kriegen sei ein beispielloser Erfolg. "Heute ist ein Krieg zwischen Deutschland und Frankreich undenkbar", heißt es aus Oslo. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel meint, nach Jahrhunderten des Blutvergießens auf dem Kontinent sei eine friedliche Ordnung erreicht worden, zu der auch der Euro gehöre, der mehr sei als eine Währung.
Wie sie sehen viele andere Politiker die Ehrung auch als Ansporn für eine Überwindung der Schuldenkrise. Oslo erinnert die Bürger Europas auch daran, dass sie Grund zum Stolz auf das Erreichte haben – Krise hin oder her: War die Europäische Gemeinschaft so etwas wie der zivile Arm des westlichen Bündnisses, änderte sich die Lage im Jahr 1989.

