• vom 26.12.2012, 01:00 Uhr

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Update: 27.12.2012, 10:18 Uhr

Think Tank

Neuer Think Tank: Eine Million für die liberale Denk-Revolution




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Von Clemens Neuhold

  • Mitbegründer Christoph Kraus: "Reichtum senkt die Armut"
  • Die neue österreichische Denkfabrik "Agenda Austria" will marktliberale Ideen verbreiten.



Wien. Auf der ganzen Welt gibt es Denkfabriken, die als Rohstoff die ökonomischen Ideen der "Österreichischen Schule" einsetzen. Die Vertreter dieser Schule, Friedrich August von Hayek, Ludwig von Mises oder Eugen Böhm von Bawerk, haben ihre Theorien schon Anfang und Mitte des 20. Jahrhunderts formuliert. Doch der Bann der "Austrians", wie Fans sie nennen, ist vor allem im englischsprachigen Raum ungebrochen. Ihr Grundgedanke: Freiheit, Privateigentum und Wettbewerb bringen mehr Wohlstand als eine vom Staat dominierte Gesellschaft. Darauf gründete nicht zuletzt die wirtschaftsliberale Revolution, die US-Präsident Ronald Reagan und Englands "Eiserne Lady" Margaret Thatcher in den frühen 80er Jahren vollzogen; Reformen, die das heutige Finanz- und Wirtschaftssystem begründeten.

Neue Fabrik für Themen

Information

Christoph Kraus ist  Obmann und Mitbegründer von "Agenda Austria". Er war viele Jahre lang Boss der Kathrein Privatbank, die Raiffeisen gehört, und führt den Verband der österreichischen Privatstiftungen an. Von den Stiftungen kommt auch das meiste Geld für den Think Tank. Kraus wird sich künftig eher im Hintergrund halten, operativer Leiter von "Agenda Austria" wird der ehemalige "Presse"-Journalist Franz Schellhorn.

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Zwischen den ökonomischen Theorien und der realen Politik vermittelten sogenannte Think Tanks oder Denkfabriken. Denkfabriken setzen Agenden und entwerfen politische Konzepte auf wissenschaftlicher Basis. Zwei besonders mächtige sind das Institute for Economic Affairs in London oder die Heritage Foundation in den USA.

In Österreich gab es bisher nur das Hayek-Institut, dessen realpolitischer Einfluss aber begrenzt blieb. Ab Jänner kommt mit "Agenda Austria" eine Denkfabrik, die sich als einflussreicher Think Tank etablieren will. Ausgestattet mit mehr als einer Million Euro, einem Büro in bester Wiener Innenstadtlage und bis zu einem Dutzend wissenschaftlicher Mitarbeiter, will "Agenda Austria" versuchen, die Politik und die Medien zu beeinflussen. Ziel ist es, "den Wind wieder viel stärker in Richtung Marktwirtschaft zu drehen" (siehe Interview im Anschluss).

Nachzügler Österreich

An allen Rädern will der neue Think Tank drehen, die den Markt in Schwung bringen.

An allen Rädern will der neue Think Tank drehen, die den Markt in Schwung bringen.© fotolia An allen Rädern will der neue Think Tank drehen, die den Markt in Schwung bringen.© fotolia

Warum gerade im Land der "Austrians" wirtschaftsliberale Denkfabriken Neuland sind, hat viele Gründe. Der Politologe Peter Filzmaier sieht einerseits die starke Stellung der Parteiakademien, der Wirtschaftskammer und der Arbeiterkammer als österreichisches "Unikum". Dadurch wäre schon viel abgedeckt, was in anderen Ländern auch aus Denkfabriken komme. Andererseits gäbe es in den USA oder Deutschland mehr Stiftungen oder reiche Einzelpersonen, die Think Tanks finanzierten. Beate Kolm vom Hayek-Institut ortet eine "linke Hoheit in den Unis und Chefradaktionen", was linke Denkfabriken überflüssig mache. Christian Ortner, nach Eigendefinition journalistisches "Zentralorgan des Neoliberalismus" und Vorstandsmitglied im Hayek-Institut, sieht in Österreich überhaupt eine strukturell linke Tradition in der Wirtschaftspolitik.

Doch genau diese Traditionen will "Agenda Austria" aufbrechen. Und dabei wird das Team um den ehemaligen "Presse"-Journalisten Franz Schellhorn nicht alleine sein. Eine Gruppe von sechs Ökonomen "Pro-Marktwirtschaft" (siehe unten) vergrößert ebenfalls ihren Aktionsradius, und in der Wirtschaftsforschung gab es ebenfalls Neugründungen.

Was auffällt: Obwohl die allzu freie Marktwirtschaft durch die Exzesse der Börsen und Banken diskreditiert scheint, herrscht im wirtschaftsliberalen Lager mehr Aufbruchstimmung als im linken Lager. Politikwissenschafter Hubert Sickinger begründet das mit großem Frust der Wirtschaftsliberalen. Filzmaier stimmt zu: "Was soll ein wirtschaftsliberaler in ÖVP oder FPÖ?" Die Parteien würden nur ihre Klientel versorgen, die Unternehmer hätten in den Parteien zu wenig "standing".

Durch die Krise sehen beide gesellschaftliche Grundfragen wieder stärker gefragt. Sickinger: "Vieles bricht auseinander."

"Großhändler von Ideen"
Über die Ziele und Geldgeber des neuen Think Tanks sprach die "Wiener Zeitung" mit dem Obmann und Mitbegründer von "Agenda Austria", Christoph Kraus.

"Wiener Zeitung":Was ist Ihre Motivation hinter der Gründung von "Agenda Austria"?

Christoph Kraus: Wir wollen wissenschaftlich fundierte Reformvorschläge aus liberaler, marktwirtschaftlicher Sicht machen und eine Art Großhändler von Ideen sein.

Zum Beispiel?

Wie kann man die Straßen oder das Pensionssystem privatisieren? Auch das Sozialsystem lässt sich privatwirtschaftlich organisieren.

Das Pensionssystem privatisieren?

Ja, wie in Chile. Wir wollen mutige und auch teils utopische Dinge diskutieren. In den 60er Jahren schien eine Privatisierung von Staatsbetrieben undenkbar. Und heute? Schauen Sie sich die erfolgreich privatisierte Voest an.

Hat "Agenda Austria" eine Verfassung?

Unsere Grundwerte sind Freiheit und Individualismus. Unsere Vorbilder sind die "Austrians" rund um Hayek und Mises.

Und welche Denkfabriken sind Ihr Vorbild?

Die Mont Pelerin Society, die Hayek 1947 gegründet hat, das Institute for Economic Affairs und die Avenir Suisse. Die Avenir Suisse ist aus den politischen Debatten der Schweiz nicht wegzudenken und ohne das Institute for Economic Affairs, hat Milton Friedman einmal gesagt, hätte es die Thatcher-Revolution in Großbritannien nicht gegeben.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2012-12-23 17:53:06
Letzte nderung am 2012-12-27 10:18:14



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