• vom 25.05.2013, 20:39 Uhr

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Update: 11.05.2015, 12:44 Uhr

Cannes 2013

Wohlschmeckende Blutkonserven und sexuelle Obsessionen




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Von Matthias Greuling, Cannes

  • Finale zweier Altmeister in Cannes
  • Roman Polanski und Jim Jarmusch erlauben sich im Wettbewerb freche, unverkrampfte Filmkunst.

Mit den außergewöhnlichen Arbeiten zweier arrivierter Filmkünstler ist am Samstag der Wettbewerb um die Goldene Palme von Cannes komplettiert worden. Jim Jarmuschs "Only Lovers Left Alive" erwies sich als vielschichtige Vampir-Farce, während Roman Polanski mit "Venus in Fur" eine simple, aber umso geschicktere Heirat aus Theater und Kino herstellt. Beiden Regisseuren merkt man an, dass sie mit ihrem Kino die Welt nicht (mehr) verändern wollen; sie machen sich fast schon einen Jux daraus, mit den Spielformen des Kinos jovial und durchaus auch trivial umzugehen.

Jim Jarmuschs "Only Lovers Left Alive" kam als letzter Film in den Wettbewerb von Cannes, sozusagen eine Nachreichung – in einen Wettbewerb, der bis zuletzt auf den großen Wurf warten ließ, den man in Cannes eigentlich erwartet (und auch immer wieder zu sehen bekam). Dieses Jahr kam er nicht.


Jarmusch, dessen Ruf als Ausnahmeerscheinung im US-Independentkino von lange zurückliegenden Filmen wie "Stranger than Paradise", "Down by Law" oder "Night on Earth" herrührt, findet mit der skurrilen Geschichte um ein Vampir-Pärchen zu alter Hochform zurück. Zwischen Detroit und Tanger, wo Jarmusch die Handlung ansiedelt, sind der Untergrund-Musiker und Gitarrensammler Adam (Tom Hiddleston) und seine Frau Eve (Tilda Swinton) stets darauf bedacht, ihren Konsum von Menschenblut aus sauberen Krankenhaus-Blutkonserven zu stillen. Man lebt ja schließlich im 21. Jahrhundert, da beißen Vampire keine Menschen mehr zu Tode! Bis Ava (Mia Wasikowska), die junge Schwester von Eve, auftaucht, die sich über einen Freund der Vampire hermacht. "You drank Ian! Get out of my house", tobt Adam. Familienzank auf Vampirisch.

Wohlschmeckende Blutkonserven
Jarmusch inszeniert einen überaus leisen und langsamen Film; nichts hier ist dem vermeintlich zugrunde liegenden (Sub-)Genre des Vampirfilms geschuldet, alles ist ihm diametral entgegengesetzt erzählt, und selten – schon gar nicht im verstaubten "Twilight" – gab es lässigere Blutsauger. Jarmusch durchsetzt den Film mit unzähligen Anspielungen auf die Film-, TV- und Literaturgeschichte. Wenn Eva ins Flugzeug steigt – sie fliegt mit der "Air Lumière" – dann nennt sie sich gerne Daisy Buchanan, eine schöne Anspielung auf "Der große Gatsby". Und weil Vampire ja hunderte Jahre alt werden, gibt es hier sogar einen kurzen Auftritt von John Hurt in der Rolle von Christopher Marlowe, der auf Shakespeare schimpfen darf, weil sämtliche Stücke natürlich von ihm selbst stammten.

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Dokument erstellt am 2013-05-25 20:40:07
Letzte nderung am 2015-05-11 12:44:15



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