• vom 03.10.2014, 14:53 Uhr

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Update: 03.10.2014, 15:45 Uhr

Lampedusa

Zwischen Blumenkranz und Pfeifkonzert




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Von WZ Online, APA

  • Die italienische Mittelmeerinsel gedenkt den über 360 Toten, die vor einem Jahr bei der Schiffskatastrophe vor Lampedusa ums Leben kamen.

Rom/Lampedusa. Ein Jahr nach der Schiffskatastrophe vor Lampedusa mit mehr als 360 Toten hat die italienische Mittelmeerinsel der Opfer dieser großen Flüchtlingstragödie gedacht. Bewegende Gedenkveranstaltungen mit Überlebenden und Hinterbliebenen fanden auf der Insel statt. Zugleich kam es auch zu Protesten gegen Politiker, die sich an den Zeremonien beteiligten.

Mehrere Boote erreichten am Freitagvormittag den genauen Ort der Schiffstragödie, hier wurden Blumenkränze ins Meer geworfen. Auch EU-Parlamentspräsident Martin Schulz und die Präsidentin der italienischen Abgeordnetenkammer, Laura Boldrini, beteiligten sich an der Zeremonie. Außerdem wurde auf dem Meeresboden zur Erinnerung an die Opfer eine Gedenktafel angebracht. Am Freitagnachmittag sollen Überlebende und Angehörige der Opfer durch das Zentrum Lampedusas ziehen. 368 Laternen zum Andenken an jedes Opfer werden in die Luft steigen. Nach einem Gebet sollen die Bilder der Überlebenden und jener Helfer ausgestellt werden, die sich am Tag des Unglücks auf Lampedusa befanden.

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"In den letzten 20 Jahren sind 20.000 Menschen im Mittelmeer gestorben. Das Flüchtlingsdrama am 3. Oktober 2013 war nur ein Unglück inmitten einer dramatischen Serie. Allein in diesem Jahr sind circa 3.000 Menschen bei Seeüberfahrten ums Leben gekommen. Solange Europa keine Initiativen zum Schutz der Flüchtlinge ergreift, werden weitere tausende Menschen sterben", sagte ein Sprecher des Komitees "3. Oktober", das Überlebende der Flüchtlingstragödie vor einem Jahr und deren Angehörige vereint. Die Bürgermeisterin Lampedusas, Giusy Nicolini, rief Europa auf, konkrete Maßnahmen zur Vorbeugung weiterer Flüchtlingstragödien zu ergreifen. "Italien kann nicht allein für ein Drama historischen Ausmaßes aufkommen", sagte die Bürgermeisterin der 6.500-Seelen-Insel.

Eine linksradikale Gruppe demonstrierte gegen EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, der an einer Podiumsdiskussion teilnahm. Die Demonstranten skandierten Sprechchöre gegen Schulz. Einwohner Lampedusas demonstrierten am Hafen und forderten konkrete Initiativen gegen die Flüchtlingswelle aus Nordafrika. Sie protestierten gegen den Beschluss der italienischen Behörden, das vor einigen Monaten gesperrte Auffanglager auf der Insel wieder zu öffnen.

Auf Lampedusa trafen inzwischen am Freitag wieder acht Flüchtlinge ein, die im Mittelmeer gerettet wurden. Die verletzten Migranten, die aus Libyen abgefahren waren, wurden auf Lampedusa behandelt und dann nach Palermo gebracht. Auf ihren Körpern seien Folterspuren sichtbar, berichtete einer der Ärzte, der die Migranten behandelte. Der Gesundheitszustand der Flüchtlinge sei nicht besorgniserregend.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International forderte indes eine Fortführung der Mittelmeer-Operation "Mare Nostrum" zur Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer. Der nach der Flüchtlingstragödie vor einem Jahr von Italien gestartete Einsatz habe bisher 144.000 Menschen vor dem Ertrinken gerettet, berichtete die italienische Marine am Freitag. 300 Schlepper wurden festgenommen. Die italienische Marine hat in den letzten zwei Tagen 2.500 Flüchtlinge im Mittelmeerraum vor Sizilien gerettet.

Italiens Außenministerin und designierte EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini rief die EU auf, Druck auf Libyen auszuüben. "Von den 130.000 Migranten, die seit Jahresbeginn Italien erreicht haben, sind die meisten von Libyen abgefahren. Wir müssen die neue libysche Regierung auffordern, sich der Genfer Konvention anzuschließen. Zugleich muss man die Bedingungen schaffen, damit das UN-Flüchtlingswerk UNHCR in Libyen arbeiten kann", betonte Mogherini. Man müsse für die Flüchtlinge legale Wege finden, um nach Europa einzuwandern.

"Wir dürfen uns nicht nur mit dem täglichen Flüchtlingsnotstand befassen. Wenn wir das Problem nicht tiefgründig bekämpfen, werden wir in zehn Jahren mit denselben Schwierigkeiten konfrontiert sein", so Mogherini. Italiens Parlamentspräsidentin Boldrini rief die EU-Partner auf, gemeinsam Verantwortung für die Flüchtlingspolitik zu übernehmen. "Das Mittelmeer ist eine Grenze für ganz Europa, nicht nur für Italien", so Boldrini.

Schulz, der an den Unglücksort gereist war und am Vorabend mit Überlebenden und Hinterbliebenen gesprochen hatte, zeigte sich zuversichtlich, dass die neue EU-Kommission unter Jean-Claude Juncker Lösungen für die Flüchtlingsproblematik finden werde. "Die neue Kommission wird in enger Abstimmung mit dem Europaparlament das Thema Migration ganz oben auf die Tagesordnung setzen", sagte Schulz. Künftig solle es auch einen Migrationskommissar geben.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-10-03 14:56:44
Letzte nderung am 2014-10-03 15:45:00



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