• vom 03.04.2015, 15:31 Uhr

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Update: 03.04.2015, 17:57 Uhr

Mexiko

43 noch immer vermisste Studenten




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Von Konstanze Walther

  • Weshalb Iguala symptomatisch für Mexiko ist.

Mexikos Zivilgesellschaft will Gerechtigkeit für die Opfer von Iguala - und zumindest die Aufklärung des Falles.

Mexikos Zivilgesellschaft will Gerechtigkeit für die Opfer von Iguala - und zumindest die Aufklärung des Falles.© reuters/Becerril Mexikos Zivilgesellschaft will Gerechtigkeit für die Opfer von Iguala - und zumindest die Aufklärung des Falles.© reuters/Becerril

Mexiko gilt schon seit langem als "Narco"-Staat: ein Land, in dem die "Narcos" das Sagen haben - Gangster, die in den Drogenhandel verwickelt sind.

Doch selbst die abgebrühtesten Beobachter können es kaum fassen, was in der Nacht des 26. Septembers 2014 geschehen ist. Nach und nach kamen schier unglaubliche Informationen ans Licht: Korrupte Polizisten hätten auf Anweisung des Rathauses 43 Studenten, die aus einem bekannt linken aktivistischen Umfeld kamen und auf dem Weg zu einer Protestaktion waren, gekidnappt. Dann wären sie einer mexikanischen Drogenmafia übergeben worden, die sie ermordet und verbrannt hätten. Der Bürgermeister und seine Frau ergriffen im Zuge der Ermittlungen die Flucht, wurden aber gefasst. Der US-stämmige Rechtsprofessor John Ackerman, der seit Jahren in Mexiko lebt und lehrt, erklärt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", warum der Fall der 43 entführten Studenten symptomatisch für die gesamte US-mexikanische Drogenpolitik ist.

Information

John Ackerman ist Professor für Rechtswissenschaften an der mexikanischen Universität UNAM. Der ehemalige Berater der Weltbank ist regelmäßiger Kolumnist in den Zeitungen "La Jornada" und "Proceso".
John Ackerman war in Wien, um durch internationale Aufmerksamkeit den Druck auf Mexiko zu erhöhen, die Ermittlungen nicht schleifen zu lassen.

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"Wiener Zeitung": Warum beherrschen die 43 Studenten noch immer die Proteste in Mexiko? Der Bürgermeister, seine Frau und ein paar Narcos wurden festgenommen, die die Morde an den Studenten gestanden haben. Die Schuldigen scheinen doch gefasst zu sein?

John Ackerman:Da sind wir uns nicht so sicher. Und dass es zu diesem Verbrechen kommen konnte, hängt mit der Drogenpolitik zusammen, nämlich dass Mexiko ein Befehlsempfänger der USA ist, anstatt die eigenen Bürger zu schützen.

Was haben die USA damit zu tun?

Mexiko ist Stellvertreter in dem von Washington ausgerufenen Krieg gegen Drogen. Die USA wollen, dass Gewalt und Tod südlich der Grenze bleiben. Aber von den Drogenverkäufen in den USA fließen zwischen 9 bis 29 Milliarden US-Dollar wieder über die Grenze nach Mexiko zurück. Mit diesem Geld werden unter anderem Politiker glücklich gemacht, die zumindest nicht nachfragen. Bei den vergangenen Wahlen hat der Gewinner und jetzige Präsident, Enrique Peña Nieto, statt der erlaubten 25 Millionen US-Dollar für Werbekosten mindestens das Zehnfache davon ausgegeben. Da muss man sich natürlich fragen, wo diese Art von Geld herkommt.

Also werden einerseits auf Wunsch der USA die Drogenkartelle bekämpft, aber militärisch, nicht ihre Finanzierungsquellen. Anderseits kassieren die Politiker Geld - wenn nicht von den Narcos selbst, so doch über irgendwelche Geldwäsche-Operationen. Das bringt uns zum Status quo: Auf der einen Seite sind die USA, auf der anderen die Narcos, und mittendrin die mexikanischen Institutionen, die gar nicht die Möglichkeit haben, eine eigenständige Drogenpolitik zu entwickeln, die das Ziel hätte, das eigene Volk zu schützen und dem Bürger das Vertrauen in den Rechtsstaat zurückzugeben.

Wie hat sich das auf den Fall der 43 ausgewirkt?

Nahe der Stadt Iguala, wo das alles passiert ist, sind zwei Militärregimenter stationiert. Und die waren definitiv im Bilde über das, was in der Nacht des 26. Septembers abgelaufen ist. Die öffentliche Sicherheit im Bundesstaat Guerrero wurde vom Staat kontrolliert. Es ist nicht einmal technisch gesehen eine lokale Frage, auch wenn es sich um den Bürgermeister und um die lokale Polizei gehandelt haben sollte. Einige Journalisten, die die Ermittlungsakte einsehen konnten, berichten auch, dass die Bundespolizei und das Militär die ganze Zeit Bescheid gewusst hatten - und entweder passiv zugesehen oder aktiv mitgeholfen haben.

Sie glauben, dass die Bundespolizei und das Militär in der Nacht der Entführung und des Massenmordes davon gewusst haben?

Ja. Schließlich hat es schon vorher jede Woche Kidnappings und Massenmorde gegeben. Bei den Grabungen, um die Studenten zu finden, hat man ja alle Längen ein Massengrab mit Unbekannten gefunden. Die offizielle Geschichte ist unglaublich bis unglaubwürdig. 43 Menschen auf den Hügeln nahe der Stadt verbrannt, ein richtiges Holocaust-Szenario, und keiner hat was gemerkt? Am nächsten Tag ist der Bürgermeister nicht aus der Stadt gelaufen. Nein, er ist gemütlich ein paar Tage geblieben, bis er gemerkt hat, dass die Menschen dem Fall Beachtung schenken. Dann haben ihn seine Freunde angerufen, um ihm zu raten, sich aus dem Staub zu machen. Aber zuerst wurde er beschützt und gedeckt. Erst als die nationale und internationale Aufmerksamkeit begonnen hat, wurde er geopfert. Deswegen ist es so wichtig, dass man in Europa weiter Druck macht. Europa hat hier, anders als die USA, wenigstens einen unabhängigen Blick.

Ist der oft geäußerte Wunsch, die Drogenkriminalität einzudämmen, ein reines Lippenbekenntnis der Politik? In letzter Zeit, gerade nach Iguala, wurden doch einige Drogenbosse festgenommen?

Mexiko muss immer wieder mal Köpfe liefern und sich so den USA gegenüber rechtfertigen, denn schließlich bekommen die Politiker von den USA finanzielle Hilfe im Drogenkrieg. Aber die Gewalt löst sich nicht dadurch auf, dass man eine Person inhaftiert. Im Gegenteil, wenn man eine Gruppe enthauptet, wachsen mehrere kleine Gruppen nach.

Würde die Legalisierung von Drogen wirklich das Problem lösen? Schließlich leben die Kartelle auch von Waffen- und Menschenhandel.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-04-03 15:35:08
Letzte nderung am 2015-04-03 17:57:02



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