• vom 21.11.2015, 00:00 Uhr

Top News

Update: 23.11.2015, 12:08 Uhr

Wertedebatte

Meine Werte - Deine Werte




  • Artikel
  • Kommentare (8)
  • Lesenswert (35)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Werner Reisinger und Jan Michael Marchart

  • Anderen "unsere Werte" vermitteln, schön und gut. Was aber genau sind "unsere Werte"? Der Versuch einer Spurensuche.


© Christoph Liebentritt © Christoph Liebentritt

Wien. Geht es nach Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP), werden anerkannte Flüchtlinge in Zukunft neben Deutschvokabeln auch österreichische Werte pauken. Themen wie die Gleichheit der Geschlechter oder die Religionsneutralität stehen dabei auf dem Unterrichtsplan. Weigern sie sich, wird die Mindestsicherung und damit die momentan einzig greifbare Lebensgrundlage gekürzt. Super, applaudieren die einen. Ein weiterer Schritt zur Ausgrenzung, monieren die anderen. Man solle die Vorschläge diskutieren, sagt Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ). Vieles, wie die Kürzung der Mindestsicherung, sei aber schon jetzt möglich.

Heimische Werte? Was ist das eigentlich? Wo soll man zu suchen beginnen? Vielleicht in einem klassischen "Tschocherl" im dritten Wiener Gemeindebezirk. Hier trifft man auf die, die gemeinhin als das einheimische Pendant zu jenen "bildungsfernen Schichten" gelten, um die es in der Integrationsdebatte so oft geht. Einem Postler und einem Arbeiter, die mittags bei Bier und Pfeife sitzen, fällt es schwer, die eigenen, die heimischen Werte aufzuzählen. Vielleicht, dass man eine Frau nicht so behandelt, wie "dort unten", erklärt er. Syrien, Afghanistan, dort sei, was das betrifft, noch Luft nach oben. In Österreich kläre man Dispute nicht mit Gewalt, sondern über den Rechtsweg. Was ist mit Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Trennung von Staat und Religion?

Werbung

"Sonst haben sie keine Chance"
"Ja, die Religion ist sicher ein Thema", sagt der Postler. "Aber nur, wenn sie es extrem ausleben. Wenn sie ihr Ding machen und ich meines machen kann, ist es mir egal. Aber wir sind halt Christen, so ist das nun mal." Es geht mit anderen Worten um die Distanz, dem anderen nicht vorzuschreiben, was er tun darf und was nicht. Deutsch, das sei auch ein Wert. Das müssten sie lernen. Nicht aus Zwang, nein, um leichter eine Arbeit zu finden und an der Gesellschaft teilzunehmen. "Sonst haben die keine Chance."

"Bei den Türken ist mir aufgefallen, dass vor allem ältere Frauen ein Problem haben", sagt der Postler dann. "Ihr Mann sagt ihnen, dass sie kein Deutsch brauchen. Die können nicht einmal alleine einkaufen gehen. Das machen meist die Kinder, die hier aufgewachsen sind." Damit würden sie sich von der Gesellschaft ausklammern. Ist es vertretbar, Flüchtlingen die Mindestsicherung zu kürzen, wenn sie sich weigern, Deutsch und Werte zu büffeln? Der Postler nickt. "Es soll schon einen Anreiz geben, sich zu engagieren." Dort drüben, sagt er, in der Asylunterkunft, sitzen sie den ganzen Tag herum. Junge Leute, Flüchtlinge. Und am Abend, da "tschechern sie sich nieder", mit Wodka. Und machen Dreck. Sauberkeit, das gelte es zu vermitteln. Das sei auch ein Wert.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




8 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-11-20 18:35:09
Letzte nderung am 2015-11-23 12:08:05



Werbung




Werbung


Werbung