• vom 12.02.2016, 09:43 Uhr

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Update: 12.02.2016, 10:23 Uhr

Bolivien

Der Wunschtraum vom Exportschlager




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Von WZ Online, Georg Ismar, Mario Roque, dpa

  • Präsident Morales kämpft weiter für Legalisierung der Koka-Pflanze.

La Paz. Koka-Tee, Koka-Zahnpasta, Koka-Gesichtscreme: Boliviens Präsident Evo Morales würde gern Kokablatt-Produkte zum Exportschlager machen. An der Blätter-Ökonomie hängen fast 150.000 Arbeitsplätze. Der Preis ist aber derzeit im Keller, was der Kokainmafia zugute kommt.

Seit 65 Jahren pflückt sie diese Blätter. In sengender Hitze, von neun Uhr morgens bis mindestens fünf Uhr nachmittags. Acht Stunden, fast ohne Pause - immer nur Koka. Franziska Berra hat nichts anderes gelernt. "Gerade ist der Preis im Keller", klagt die 80-Jährige, die den ganzen Tag gebückt die grünen Blätter pflückt, den Kopf mit einem Tuch bedeckt, damit sie keinen Sonnenstich bekommt. Es ist Erntezeit - und Bolivien hat eine Überproduktion an Koka. Für die Libra (etwa ein halbes Kilogramm) bekomme sie derzeit nur vier Bolivianos (0,50 Euro) Lohn.

Das Koka-Blatt sichert ihr Überleben, doch momentan verdient sie pro Tag oft nur fünf bis sieben Euro - es fehlen neue Absatzmärkte, um den Preis zu steigern. Wie kein anderes Land versucht Bolivien, gegen das Koka-Stigma anzukämpfen und die Blätter international zu vermarkten. Heute hängen fast 150.000 Jobs an dem Agrarzweig. Arapata in den sogenannten Yungas, dem tropischen Bergregenwald, ist ein Zentrum des legalen Koka-Anbaus.

Koka am Fußballplatz

Entlang der staubigen Schotterstraßen sind überall die in Terrassen angelegten Plantagen mit den grünen, alkaloidhaltigen Blättern zu sehen. Sogar am Fußballplatz des Ortes blühen die Sträucher. Laut Taxifahrer Julio Mamani seien das die beste Koka Boliviens. "Aber klar, der niedrige Preis kann ein Anreiz sein, lieber an die Drogenhändler zu verkaufen", sagt er. Das ist das Dilemma der Koka-Wirtschaft.

Präsident Evo Morales würde gerne Koka-Tee, Koka-Zahnpasta, Koka-Wein und Koka-Cremes in aller Welt verkaufen. So wie die Quinoa, die als "Inka-Korn" in Bio-Supermärkten Karriere macht, da sie viele Proteine enthält und bei Vegetariern beliebt ist. 2009 holte Morales bei einer UN-Konferenz in Wien demonstrativ Koka-Blätter aus der Tasche und kaute sie. Auch Coca-Cola hat lange Koka-Extrakte benutzt und dabei von einer Sonder-Einfuhrgenehmigung profitiert.

 Koka-Offensive als Deckmantel

Der gesamte Sektor macht nach Angaben der UN in Bolivien einen Umsatz von 251 Millionen Euro im Jahr, was immerhin 0,9 Prozent des Bruttoinlandprodukts entspricht und 8,8 Prozent der Umsätze des gesamten Agrarsektors - aber keiner weiß genau, wie groß die Kokain-Schattenwirtschaft ist. Kritiker werfen Präsident Morales vor, unter dem Deckmantel seiner Koka-Offensive zu wenig gegen die Herstellung der Droge zu tun.

Doch der Staatschef, früher selbst Koka-Bauer, predigt wie ein Mantra: "Das Koka-Blatt ist nicht gleich Kokain." Mehr Koka-Absatzmärkte führen zu weniger Kokainproduktion, lautet seine Theorie. In seinem Werbefeldzug für eine Legalisierung von Koka-Produkten hing er Papst Franziskus bei dessen Besuch letzten Sommer einen Beutel mit Koka-Blättern um.

Das Koka-Blatt hat in dem Andenstaat eine lange Tradition, die "Indigenas" nutzen es für ihre Kult-Zeremonien - und der Konsum ist legal. Er dämpft Erschöpfungserscheinungen, gilt als gesund und hilft Touristen, etwa in der rund 3600 Meter hoch gelegenen Metropole La Paz eine Höhenkrankheit zu vermeiden. Der Konsum ist nicht berauschend, Koka-Tee hat Ähnlichkeiten mit grünem Tee. Erst durch die Beigabe von Chemikalien entsteht in einem langwierigen Prozess die Droge Kokain - neben Bolivien sind Peru und Kolumbien die Hauptproduzenten des Rauschgiftes.

40 Prozent Schattenwirtschaft

Für den legalen Sektor wurden 2014 laut UN 19.797 Tonnen Blätter produziert - auf dem Markt betrug der Durchschnittspreis für ein Kilogramm 58 Bolivianos (7,30 Euro). Das Gesetz erlaubt in Bolivien einen legalen Anbau auf 12.000 Hektar. Nach Angaben der Anti-Drogen-Behörde der Vereinten Nationen wurde die Koka-Anbaufläche 2014 zwar von 23.000 Hektar auf 20.400 Hektar verringert. Das bedeutet aber auch, dass weiterhin rund 40 Prozent der Blätter in den illegalen Markt, also in die Kokainproduktion, wandern. Für ein Kilo Kokain-Paste sind 120 Kilo der Koka-Blätter nötig.

Versuche der EU, den alternativen Anbau von Ananas und Bananen zu fördern, scheiterten wiederholt daran, dass mit Koka viel höhere Verdienste zu erzielen sind. Und pro Jahr sind bis zu vier Ernten der schnell wachsenden Blätter möglich. Doch der eigentliche Haken bei Boliviens Koka-Expansion ist die UN-Drogenkonvention: Vor vier Jahren kündigte Bolivien die Unterstützung der Konvention, weil sie die Koka-Pflanze ächtet, daher dürfen Koka-Tee und -Bonbons nicht nach Europa eingeführt werden. Erst nach einer Sonderregelung, die Bolivien den Blatt-Konsum erlaubt, trat Morales der Konvention wieder bei. Doch bisher sieht es nicht danach aus, dass es bald zu einer Öffnung für Koka-Produkte "Made in Bolivia" kommen könnte.





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Dokument erstellt am 2016-02-12 09:53:08
Letzte nderung am 2016-02-12 10:23:10



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