• vom 26.03.2016, 12:00 Uhr

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Update: 26.03.2016, 12:46 Uhr

Zeitgeschichte

Der Optimist und sein Kritiker




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Von Walter Hämmerle und Ina Weber

  • Am geplanten "Haus der Geschichte" in der Hofburg scheiden sich die Geister. Projektbetreiber Oliver Rathkolb und Grünen-Historiker Harald Walser kreuzen im Streitgespräch die Klingen.

Die Zeit drängt - im Jubiläumsjahr 2018 soll das neue Museum fertig sein. Die Diskussionen über das Projekt sind deshalb aber noch lange nicht vorbei. - © WZ

Die Zeit drängt - im Jubiläumsjahr 2018 soll das neue Museum fertig sein. Die Diskussionen über das Projekt sind deshalb aber noch lange nicht vorbei. © WZ

Grünen-Historiker Harald Walser sieht das "Haus der Geschichte Österreich" kritisch.

Grünen-Historiker Harald Walser sieht das "Haus der Geschichte Österreich" kritisch.© WZ Grünen-Historiker Harald Walser sieht das "Haus der Geschichte Österreich" kritisch.© WZ

Wien. Jetzt ist es so weit. Seit Jahrzehnten wird es gefordert, mindestens so lange wird darüber geredet und gestritten, nun ist das Museum für die jüngere politische Geschichte des Landes auf Schiene: "Haus der Geschichte Österreich" (HGÖ) soll es heißen, die Hofburg der Standort sein und die Nationalbibliothek soll es strukturell mittragen. Vergangene Woche wurde dazu eine Änderung des Bundesmuseengesetzes von SPÖ und ÖVP beschlossen. Für die noch ungewisse langfristige Finanzierung hat Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) eine Vorstudie in Auftrag gegeben, anschließend soll der Direktorenposten ausgeschrieben werden. Die Zeit drängt - im Jubiläumsjahr 2018 soll das neue Museum fertig sein.

Die Diskussionen über das Projekt sind deshalb aber noch lange nicht vorbei. Aus diesem Grund hat die "Wiener Zeitung" Oliver Rathkolb, Leiter des wissenschaftlichen Beirats, und Harald Walser, Bildungssprecher der Grünen, zum Streitgespräch über das Haus der Geschichte gebeten. An Leidenschaft ließen es die beiden Historiker dabei nicht fehlen.

"Wiener Zeitung":In zehn Jahren, 2026: Was wird aus dem Haus der Geschichte geworden sein?

Projektbetreiber Oliver Rathkolb hingegen sagt: "Wir haben nach wie vor ein verkorkstes und umstrittenes Geschichtsbild, das sichtbar gemacht werden muss."

Projektbetreiber Oliver Rathkolb hingegen sagt: "Wir haben nach wie vor ein verkorkstes und umstrittenes Geschichtsbild, das sichtbar gemacht werden muss."© WZ Projektbetreiber Oliver Rathkolb hingegen sagt: "Wir haben nach wie vor ein verkorkstes und umstrittenes Geschichtsbild, das sichtbar gemacht werden muss."© WZ

Information

Zur Person

Oliver Rathkolb

geboren am 3. November 1955, ist Univ.-Prof. am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Im Auftrag von Kulturminister Ostermayer hat er einen internationalen Experten-Beirat zusammengestellt, als dessen Vorsitzender er fungiert, und ein Konzept für ein Haus der Geschichte ausgearbeitet (www.hdgoe.at). Für sein Buch "Die paradoxe Republik" wurde er mit dem Bruno-Kreisky-Preis ausgezeichnet.

Oliver Rathkolb: Ich bin kein Futurologe, dass es aber wichtig ist, so einen Ort zu schaffen, davon bin ich überzeugt. Wir haben nach wie vor ein verkorkstes und umstrittenes Geschichtsbild, das sichtbar gemacht werden muss. Das betrifft nicht nur die Debatte ob "Austrofaschismus" oder "Kanzlerdiktatur", ob Engelbert Dollfuß jetzt als Märtyrer oder Zerstörer der Demokratie zu sehen ist; auch unser Verhältnis zur Habsburger Monarchie muss beleuchtet werden.

Harald Walser: Ich fürchte, man wird im Jahr 2026 sagen, dass eine große Chance vertan worden ist. Man hat einmal mehr nicht auf jene Fachleute gehört, die den Weg gewiesen hätten. Ich verweise auf das Konzept von Claudia Haas (Museumsberaterin, die 2009 ein Konzept für ein Haus der Geschichte als Neubau erstellte, Anm. d. Red.). Mit der Hofburg wurde ein Standort gewählt, der schwer bis gar nicht nachvollziehbar ist. Der Versuch eines Narrativs für die Erste und Zweite Republik wurde erneut nicht gewagt, dabei wäre das so notwendig. Und, das ist mein größter Vorwurf, wir haben es nicht einmal geschafft, das Projekt klar als "Haus der Republik" zu definieren, wie das am Ausgangspunkt des Projekts definiert war. Stattdessen gibt es einen rot-schwarzen Kompromiss mit dem unverbindlichen "Haus der Geschichte", das jetzt noch dazu im imperialen Prachtbau Österreichs schlechthin, der Hofburg, angesiedelt ist.

Rathkolb: Darauf muss ich erwidern: Dieses Konzept hat ein Beirat mit 31 international angesehenen Expertinnen und Experten beschlossen. Claudia Haas war beauftragt, einen Neubau zu konzipieren, ohne eigene Sammlung. Unser Auftrag war es, das Konzept auf vorhandene Räume in der Neuen Burg umzulegen. Und wir haben uns gegen das politische Diktat gewehrt, keine eigene Sammlung zu haben, das wäre ja auch völlig absurd gewesen: Es gibt kein Museum ohne eigene Sammlung. Vor allem aber bezweifelt der Beirat, dass die Hofburg der falsche Ort ist. Das war ja lang das Problem der Sozialdemokratie: dass sie die autoritären Strukturen des Habsburger Imperiums kritisierte, aber keinen Zugang zur Monarchie als Kultur-, Wissens- und Wirtschaftsraum gefunden hat.



Und was den Ausgangspunkt angeht: Es ist ein Irrtum zu glauben, dass mit dem 12. November 1918, dem Tag, an dem die "Republik Deutsch-Österreich" ausgerufen wurde, die Gesellschaft plötzlich eine andere geworden wäre. Die Prägung durch die Monarchie ging weiter. Ein Haus der Geschichte hat zwar seinen Schwerpunkt im 20. Jahrhundert, die Auswirkungen der Monarchie müssen aber mitberücksichtigt werden.

Es geht nicht darum, etwas zu verschweigen oder zu ignorieren, tatsächlich aber erfolgte die entscheidende Zäsur 1918.

Rathkolb: Aber man darf das Jahr 1918 nicht zum Mythos aufbauen. Wir haben jahrzehntelang diesen Mythos gepflegt und das nicht immer zum Guten. Natürlich werden wir die Entwicklung der demokratischen Republiken ins Zentrum stellen, aber in einem breiteren Kontext. Wir wollen den 12. November mit der Gründung der deutsch-österreichischen Republik nicht nur umjubeln. Dieses Datum ist nicht nur positiv zu sehen.



Und dann geht es auch darum, auf Zentraleuropa zu schauen. Österreich muss in einer Rückschau nicht Weltmeister werden. Im Gegenteil, wir werden gemeinsam mit den Bundesländern und Nachbarstaaten eine Wanderausstellung zum ganzen Jahr 1918 konzipieren. Wir wollen andere, multi-perspektivische Narrative schaffen. Das ist ein sehr komplexer Zugang, ich weiß. Das ist aber auch der Grund dafür, warum wir als Namen Haus der Geschichte Österreich und nicht Haus der Republik gewählt haben.

Ist der Name in Stein gemeißelt?

Rathkolb: Nein. Die letzte Entscheidung sollte man der Nationalbibliothek und der künftigen Leitung überlassen. Unter Umständen kommt etwas anderes heraus.

Walser: Wir sind nicht in der Lage, selbstbewusst als Republikaner zu sagen: Ja, der 12. November ist ein Einschnitt. Ich sehe das Datum ausschließlich positiv. Es symbolisiert den Wechsel einer Staatsform, es fand ein grundsätzlicher Neuaufbau des Staates statt. Ich verstehe nicht, wie man dieses Datum abwerten kann. Dass wir alle historische Wesen sind und eine Vorgeschichte haben, darüber besteht kein Zweifel. Dass man sich aber im großkoalitionären Streit nie auf den 12. November einigen konnte und dieses Datum von der schwarzen Reichshälfte nie geliebt wurde, ist empörend und nicht nachvollziehbar. In jedem anderen Staat wäre der 12. November und nicht der 26. Oktober Nationalfeiertag. Die Angst, dass dieses Museum eher der linken Reichshälfte zuzuordnen sein wird, irritiert und ist peinlich. ÖVP-Kultursprecherin Maria Fekter hat angekündigt, darauf zu schauen, dass das Haus kein SPÖ-Museum wird. Das zeigt das Niveau der Auseinandersetzung.

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Dokument erstellt am 2016-03-25 14:47:10
Letzte nderung am 2016-03-26 12:46:10



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