• vom 03.04.2016, 15:04 Uhr

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Update: 03.04.2016, 15:12 Uhr

Palmyra

Tiefe Wunden nach zehn Monaten IS-Herrschaft




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Von WZ Online, APA, AFP

  • Ein AFP-Team konnte das Ausmaß der Zerstörung in der syrischen Wüstenstadt begutachten.

Palmyra. Umgerissene Statuen, zerstörte Tempelmauern, beschmierte Wände: Die syrische Ruinenstadt Palmyra zeigt ihre Wunden nach zehn Monaten Gewaltherrschaft der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS). Das Ausmaß der Zerstörung und des Missbrauchs der Kulturgüter konnte ein AFP-Team nun begutachten, nachdem syrische Regierungstruppen die antike Stadt vor einer Woche zurückerobert hatten.



Experten schätzen, dass der Wiederaufbau viele Jahre dauern wird - und dass Palmyra trotzdem nie wieder so wird wie vorher. An den Eingang des 2.000 Jahre alten Baal-Tempels haben die Dschihadisten mit schwarzer Farbe geschrieben: "Islamischer Staat. Kein Zutritt für Zivilisten und Brüder (Kämpfer)." Die Außenmauern und der Hof des Tempels stehen noch, aber die Cella, der innere Gebetsraum, ist nur noch ein Steinhaufen. Der IS hatte den Tempel im Sommer gesprengt.

"Baal-Tempel wird nie wieder derselbe sein"

Überhaupt ist das Ruinengelände gesäumt von beigen und ockerfarbenen Steinen, die einst Säulen und Bögen formten. Syriens Altertümerchef Maamun Abdulkarim zeigte sich zwar zuversichtlich, dass die vom IS zerstörten Kulturgüter mit Hilfe der UNO binnen weniger Jahre wieder aufgebaut werden könnten. Aber auch er musste einräumen: "Natürlich wird der Baal-Tempel nie wieder derselbe sein."

Das noch intakte Römische Theater - ein prachtvoller Bau aus dem zweiten Jahrhundert - missbrauchten die Dschihadisten für öffentliche Hinrichtungen. Eine Wand ist mit Namen der Kämpfer beschmiert, eine andere von Kugeleinschlägen übersät. Kinder von IS-Kämpfern mussten hier zur Waffe greifen und unter anderem Regierungssoldaten exekutieren.

Triumphbogen zerstört

Dort, wo früher die Cella des ebenfalls gesprengten Tempels von Baalschamin stand, ragen nun nur noch vier Säulen heraus. Auch die Überreste des prachtvollen Triumphbogens liegen in Haufen auf dem Boden. "Es wird nicht schwer sein, das wieder aufzubauen, denn alle Steine sind noch da", sagte Abdulkarim dazu. Außerdem sei der Bogen in den 30er-Jahren schon einmal restauriert worden. "Ich lade Archäologen und Experten aus aller Welt dazu ein."

Im Nationalen Museum von Palmyra haben die Dschihadisten ebenfalls gewütet. Sie köpften Büsten geschmückter Frauen, rissen Bilder von den Wänden und entstellten Steinskulpturen von unschätzbarem Wert. Zur Zeit ihrer Herrschaft in Palmyra diente das Museum den Dschihadisten als religiöse Gerichtsstätte. Er sei nur "glücklich", sagte Provinzgouverneur Talal Barasi, dass es gelungen sei, die 400 "schönsten Stücke" des Museums in Sicherheit zu bringen, bevor der IS einfiel.

Leerstehende Hotels

Die Hotels der Stadt, einst voller Touristen, stehen leer. Überall fehlen Fensterscheiben. Eine nahe Kirche wurde zum Rekrutierungszentrum umfunktioniert. Das frühere Gefängnis von Palmyra sprengten die Dschihadisten in die Luft und errichteten ihre eigenen Haftzentren, darunter in einem alten Justizgebäude der Regierung. Dort steht im Keller an einer Tür: "Verhörzentrum."

Dahinter erstreckt sich ein langer, nackter Raum mit Matratzen auf dem Boden. An der Wand haben Gefangene ihren Namen und Botschaften an die Liebsten hinterlassen. "Farah", Arabisch für "Freude" steht in einem großen Herz. "Ich war 14 Tage in dieser Zelle", erzählt Abu Mahmud, früher ein Angestellter von Palmyra. Jeden Tag kamen IS-Schergen, Saudiaraber, Iraker oder Tunesier, und fragten ihn aus. "Dabei hielten sie mir einen Säbel an die Kehle."

Beamten exekutiert

Mahmud wurde schließlich befreit, er floh und schloss sich einer regierungstreuen Miliz an. Doch einige Beamtenkollegen hatten nicht so viel Glück. "Sie wurden exekutiert, ihre Leichen wurden in die Wüste geworfen und von Hunden zerfleischt."

Experten schätzen laut Gouverneur Barasi, dass 30 Prozent der Altstadt zerstört sind. Und um ein Haar wäre es wohl noch schlimmer für Palmyra ausgegangen, wie Mahmud erzählt und Barasi bestätigt. Der IS verminte das Gelände demnach mit 4.500 Sprengsätzen. "Einer von uns hat sich als Dschihadist verkleidet und denjenigen getötet, der sie auslösen sollte", erzählt Mahmud. Nun werden die Sprengsätze nach und nach entschärft.

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Schlagwörter

Palmyra, IS-Terror, Baal-Tempel

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-04-03 15:09:23
Letzte nderung am 2016-04-03 15:12:20



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