• vom 05.04.2016, 17:41 Uhr

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Update: 10.05.2016, 14:20 Uhr

Interview

"Die Agrochemie betreibt Angstmache"




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Von Julia Mathe

  • Agrarexperte Hans Herren hält Freihandel in der Landwirtschaft für eine Illusion. Die Angst, die wachsende Weltbevölkerung ohne Chemie nicht ernähren zu können, ist seiner Ansicht nach unbegründet.

"Geht es der Industrie schlecht, rührt sie die Werbetrommel": Agrochemie-Kritiker Hans Herren.

"Geht es der Industrie schlecht, rührt sie die Werbetrommel": Agrochemie-Kritiker Hans Herren.© Philipp Hutter "Geht es der Industrie schlecht, rührt sie die Werbetrommel": Agrochemie-Kritiker Hans Herren.© Philipp Hutter

"Wiener Zeitung": Bald wird sich in den Verhandlungen um das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP alles um die Landwirtschaft drehen. Was halten Sie von TTIP?

Hans Herren: Freihandel gibt es in der Landwirtschaft sowieso nicht, weil die Preise durch die Agrarsubventionen völlig verzerrt sind. Um von Freihandel sprechen zu können, müssten die Warenpreise die Gesamtkosten widerspiegeln, und zwar in Amerika, Kanada und Europa. Und mit Kosten meine ich auch die Auswirkungen auf die Umwelt und das Gesundheits- und Sozialwesen. Dazu gibt es gute Berechnungen. Für ein Kilo Fleisch, das ich für drei Euro kaufen kann, komme ich dann beispielsweise auf einen "echten" Preis von zehn Euro. Vergleicht man das mit dem nachhaltig produzierten Fleisch um 13 Euro, ist das Nachhaltige plötzlich günstig. Hier muss man ansetzen.

Information

Zur Person:

Hans Rudolf Herren

(68) ist Kopräsidierter des Weltagrarberichts. Der Schweizer Insektenforscher, Landwirtschafts- und Entwicklungsexperte setzt sich vom Senegal bis Äthiopien für eine nachhaltige Landwirtschaft ein. Als Pionier in der biologischen Schädlingsbekämpfung wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Welternährungspreis 1995 und dem Alternativen Nobelpreis 2013.

Das könnten sich viele aber nicht leisten.

Es heißt immer, dass wir noch billiger und noch großräumiger werden müssen, weil sich die arme Bevölkerung sonst keine Nahrungsmittel leisten kann. Aber wir müssen ja alle Steuern zahlen und finanzieren dadurch ohnehin die Subventionen und die höheren Ausgaben für Umweltschutz und Gesundheitswesen.

Der Klimagipfel von 2015 wird gemeinhin als großer umweltpolitischer Erfolg gesehen. Obama hat ihn gar als "potenziellen Wendepunkt für die Welt" bezeichnet. Wie schätzen Sie das ein?

Es wurden zwar neue Ziele festgelegt, Wendepunkt ist aber wirklich zu viel gesagt. Die Wahrnehmung fehlt noch immer, dass wir uns in einer Notlage befinden und dringend darauf reagieren müssen. Es ist nicht genug, jedes Land selbst entscheiden zu lassen, inwieweit es seine Emissionen reduzieren möchte. Außerdem wurde eine ganze Agenda an Themen gar nicht diskutiert, sondern auf die nächste Sitzung in Marrakesch verschoben. Somit vergeht wieder ein Jahr mehr.

Ist es Ihrer Einschätzung nach überhaupt noch möglich, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen? Oder das von 1,5 Grad, von dem ja teilweise auch die Rede war?

Theoretisch wäre das machbar, aber nur mit wirklich drastischen Maßnahmen. Gerade die Landwirtschaft könnte dazu viel beitragen, wenn sie verstärkt auf Agrarökologie setzen würde. Würde man die gesetzten Ziele ernstnehmen, hätte man aber schon am ersten Jänner eine Transformation der globalen Landwirtschaft einläuten müssen.

Wie sollte unsere Landwirtschaft in Ihren Augen denn aussehen?

Wir haben in Costa Rica eine Organisation für regenerative Landwirtschaft gegründet. Dort wollen wir zeigen, wie man den Boden wieder aufbaut. Schließlich beruht die ganze Landwirtschaft auf dem Boden, von der Oberfläche bis zum Untergrund. Im Idealfall könnten wir dadurch sogar negative CO2-Emissionen erzeugen - also mehr Kohlenstoff binden, als wir emittieren. Das funktioniert, indem man die Böden mit organischem Material wie Humus anreichert und so mehr Kohlenstoff in den Böden bindet. Dadurch würden wir nicht nur die Emissionen senken, sondern auch den Böden etwas Gutes tun, die in den letzten 100 Jahren sowieso sehr viel Kohlenstoff verloren haben.

Sie sind vehementer Kritiker der Agrochemie. Was spricht dagegen?

Agrochemiker versuchen, natürliche Prozesse mit Chemie zu ersetzen. Doch gerade dadurch zerstören sie die Nährstoffzyklen im Boden. Es mag schon sein, dass man mittels Pestiziden, Herbiziden und Kunstdünger kurzfristig mehr produziert. Aber wollen wir wirklich eine Landwirtschaft, die auf externe Inputs abstellt? Eine nachhaltige Landwirtschaft braucht keine Chemie, weil sie auf dem Ökosystem aufbaut, und das Ökosystem erhält sich selbst.

Die Agrochemiebranche hat gerade mit stark rückläufigen Erträgen zu kämpfen. Freut Sie das?

Wenn es der Industrie schlecht geht, rührt sie die Werbetrommel umso stärker. Dann wird den Leuten Angst gemacht und gepredigt, dass wir Chemie brauchen, um uns zu ernähren. Und den Entscheidungsträgern wird vorgerechnet, wie viele Arbeitsplätze verschwinden würden, wenn dieser oder jener Großkonzern pleiteginge. Diese Angstmacherei verfälscht die umweltpolitische Debatte. Was hier nämlich unerwähnt bleibt: Eine nachhaltige Landwirtschaft würde viel mehr Arbeitsplätze schaffen als eine großräumige Industrie.

Die schlechte Ertragslage führt auch zu Zusammenschlüssen riesiger Agrochemiekonzerne.

Das ist der zweite Nachteil - umso stärker die Industrie zusammenwächst, desto weniger Wettbewerb findet statt. Auf viele Samen haben die Agrarkonzerne jetzt schon Monopole. Das spüren die Bauern, die noch konventionell arbeiten, weil sie für Düngemittel und Saatgut - vor allem für Gentechnik-Samen - mehr bezahlen müssen. Das einzig Gute daran ist, dass die Bauern, die sich das nicht mehr leisten können oder wollen, nach alternativen Lösungen suchen und diese oft auch finden.

In der europäischen Landwirtschaft spielt Gentechnik kaum eine Rolle. Sind Sie zufrieden mit der Agrarpolitik der EU?

Nein, weil jeder EU-Mitgliedstaat selbst entscheiden kann, wie er zu Gentechnik steht. Es gehört ein EU-weites Verbot her, aber da haben sich die Lobbies in Brüssel quergestellt. Es wird immer argumentiert, dass man durch Gentechnik mehr produzieren kann und weniger Chemie braucht, doch das stimmt beides nicht. Gentech-Pflanzen produzieren zwar Giftstoffe, die Schädlinge abtöten sollen, aber inzwischen sind viele der Schädlinge resistent dagegen. Also setzt man erst recht Pestizide ein - oder entwickelt eine neue Pflanze, bis die Schädlinge wieder resistent gegen deren Giftstoffe werden. Dieser Kreislauf nimmt kein Ende. In Europa wären die Konditionen sehr gut für mehr Agrarökologie, weil die Landwirtschaft noch auf Familienbetrieben statt Großkonzernen aufbaut. Warum kann nicht ganz Europa eine nachhaltige Landwirtschaft sein?

Glauben Sie, dass man die Agrochemie, die wir jetzt nutzen, vollständig durch biologische Lösungen ersetzen kann? Trotz stetig steigender Bevölkerungszahlen?

Wir haben viel mehr, als wir verbrauchen. Mit den Kalorien, die wir produzieren, könnten wir das Zweifache der heutigen Weltpopulation ernähren. Die elementaren Fragen werden aber nie gestellt: Was brauchen wir, wo soll es produziert werden und von wem? Wenn man dort anbauen und züchten würde, wo auch Bedarf ist, und auf Bauern statt auf die Industrie setzen würde - dann bin ich überzeugt davon, dass alle satt würden.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-04-05 17:47:05
Letzte Änderung am 2016-05-10 14:20:19



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