• vom 10.06.2016, 16:47 Uhr

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Update: 10.06.2016, 20:14 Uhr

Verhaltensforschung

Tiere machen Stimmung wie im Stadion




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Von Kerstin Viering

  • Auch Tiere lassen sich vom Verhalten ihrer Artgenossen anstecken. Selbst die "La Ola"-Welle haben sie erfunden.

Als würde er bei einem Fußballmatch mitfiebern: Auch Makaken können im Kollektiv Gefühle zeigen.

Als würde er bei einem Fußballmatch mitfiebern: Auch Makaken können im Kollektiv Gefühle zeigen.© Getty Images/The Asahi Shimbun Als würde er bei einem Fußballmatch mitfiebern: Auch Makaken können im Kollektiv Gefühle zeigen.© Getty Images/The Asahi Shimbun

Wien. Ansteckende Begeisterung, die im Freudentaumel endet? Spontane Chöre, in die immer mehr Stimmen einfallen? Um sich greifende schlechte Laune, die sich allzu leicht in Aggressionen entlädt? Nicht nur Menschen, sondern auch Affen kennen die Grundlagen des stadiontypischen Verhaltens. Und sie haben die Stadionwelle "La Ola", bei der die Zuschauer nacheinander von den Sitzen springen und die Arme hochreißen, erfunden. Entgegen anderslautenden Gerüchten stammt die Welle nämlich weder von zweibeinigen US-Amerikanern noch Mexikanern. Die Präriehunde in den Grasländern Nordamerikas beherrschen diese Kunst nämlich schon deutlich länger.

Die geselligen Nagetiere leben in riesigen Kolonien - die größte bekannte Präriehund-Stadt in Mexiko hat sogar mehr als eine Million Einwohner. Für Biologen bietet ihr komplexes Sozialleben ein reiches Betätigungsfeld. Lange haben sie über ein ganz besonders bizarres Verhalten gerätselt: Plötzlich stellt sich ein Tier auf die Hinterbeine - manchmal sogar mit so viel Schwung, dass es kurz vom Boden abhebt. Dabei streckt es die Vorderbeine aus, wirft den Kopf in den Nacken und jault "Wii-uuu!". Das Ganze dauert eine Sekunde und steckt Artgenossen an: Wer sieht, dass sich seine Nachbarn in Positur werfen, macht mit. Die Bewegung schwappt durch die Kolonie - wie die Welle "La Ola" über die Ränge eines Stadions.

Wollen die Präriehunde mit diese eigentümlichen Aktion Territorium markieren? Stärkt die Welle den sozialen Zusammenhalt? Oder signalisiert sie, dass Feinde abgezogen sind und die Luft rein ist? Um der Sache auf den Grund zu gehen, haben James Hare und seine Kollegen von der University of Manitoba im kanadischen Winnipeg 170 Videos aus 16 Kolonien von Schwarzschwanz-Präriehunden analysiert. Sie wollten wissen, wann genau das kollektive Aufspringen und Jaulen auftritt und welche Reaktionen folgen.

Dabei entdeckten die Forscher einen auffälligen Zusammenhang: Je länger eine Präriehund-Welle dauerte und je mehr Artgenossen sich daran beteiligten, umso mehr Zeit verbrachte der Initiator der Aktion anschließend mit dem Fressen. Das lieferte den entscheidenden Hinweis. Eine ausgiebige, entspannte Mahlzeit ist nämlich keine Selbstverständlichkeit für Präriehunde. Da ihnen von Greifvögeln über Klapperschlangen bis hin zu Kojoten ein Heer von Feinden auflauert, müssen die Nager ständig auf der Hut sein. Ein Teil der Kolonie mustert daher den Himmel und die Landschaft, während ihre Gefährten fressen oder sich anderen Aktivitäten widmen.

Freudentaumel wie beim EM-Sieg

Die Überlebensstrategie geht allerdings nur dann auf, wenn die diensthabenden Wächter auch wirklich aufpassen. Genau das wollen die Präriehunde mithilfe ihrer Kolonie-Wellen sicherstellen. Wer die Aktion anstößt, testet die Aufmerksamkeit seiner Nachbarn: Je mehr Kollegen die Bewegung aufnehmen, umso wachsamer ist das Kollektiv - und umso eher kann sich der Initiator ausruhen oder eine Mahlzeit gönnen.

Kollektives Aufspringen ist allerdings nicht das einzige Verhalten, zu dem sich Tiere anstacheln lassen. Ein Pendant der anschwellenden Fan-Gesänge im Fußballstadion findet sich bei den Mantelaffen. Diese Bewohner des afrikanischen Regenwaldes stimmen jeden Morgen Konzerte an, die sich wie ein Lauffeuer verbreiten. Sobald eine Gruppe die Darbietungen ihrer Nachbarn hört, stimmt sie mit ein. Hinter dem Spektakel scheint eine Art akustischer Wettbewerb zu stecken, vermuten Anne Marijke Schel und Klaus Zuberbühler von der University of St. Andrews in Schottland: Ein kleineres Männchen fängt an zu rufen und immer mehr Männchen fallen ein, um ihre eigene Größe und Stärke stimmlich zu demonstrieren.

Auch Schimpansen schätzen akustische Gemeinschaftserlebnisse: Sie verwenden eine ganze Palette von Rufen zu den unterschiedlichsten Gelegenheiten. Wenn sie aufgeregt sind, lassen sie ein keuchendes Johlen ertönen, das Schimpansenforscher als "pant-hoot" bezeichnen. Je nach Situation kann das alles Mögliche bedeuten: Vielleicht haben die Tiere Futter entdeckt. Vielleicht haben sie aber auch Gefährten wiedergetroffen, die sie aus den Augen verloren hatten. Oder sie antworten auf die pant-hoots anderer Artgenossen. Weiters können die Laute freundliche und feindselige Botschaften übermitteln. Und sie wirken so ansteckend wie die Anfeuerungsrufe in der Fankurve. Allerdings lassen sich Schimpansen nicht von jedem beliebigen Artgenossen zum Mitgrölen animieren: Für ein Duett muss schon gute Stimmung zwischen den Teilnehmern herrschen. Die gemeinsame Schreierei kann Ausdruck einer langfristigen sozialen Bindung sein. An Tagen, an denen die Schimpansen einen pant-hoot-Chor anstimmen, neigen sie jedenfalls häufiger zu gegenseitiger Fellpflege und freundlichen Kontakten.

Akustische Botschaften haben den Vorteil, dass die Tiere einander nicht sehen müssen, um die Stimmung des jeweils anderen einschätzen zu können. Das zeigt sich bei Schimpansen im Zoo: Selbst wenn sie Kollegen im Nachbargehege nicht sehen können, reagieren sie auf deren Lautäußerungen. Klingen die Nachbarn gut gelaunt, macht sich oft auch in der eigenen Gruppe gute Stimmung breit. Auf dem akustischen Weg übertragen sich aber auch Aggressionen: Wie beim Menschen können Emotionen auch bei Tieren ansteckend sein.

Selbst der kollektive Freudentaumel ist bekannt. Bei Tonkean-Makaken, die in der Natur nur auf der indonesischen Insel Sulawesi vorkommen, lässt sich eine Massenbegeisterung ganz einfach auslösen, berichten Forscher um Arianne de Marco von der Universität Florenz, die in menschlicher Obhut gehaltene Gruppen beobachtetet haben. Sie mussten die Tiere nur von einem Teil ihrer Gefährten trennen - und sie nach ein paar Stunden oder Tagen wieder zusammenbringen. In allen Fällen wurde dies mit einem Ausbruch von freundschaftlichen Gesten gefeiert - und zwar umso ausgiebiger, je länger die Trennung gedauert hatte. Die Tiere rannten minutenlang herum und umarmten sich, hielten sich fest und zeigten mit einer ganzen Reihe von typischen Lauten und Gesichtsausdrücken ihre Verbundenheit. Fast als wären sie gerade Europameister geworden.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-06-10 16:50:05
Letzte nderung am 2016-06-10 20:14:20



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