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Update: 17.06.2016, 03:57 Uhr

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Musik mit Tiergeräuschen




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Von Andreas Rauschal

  • Mit dem "Live"-Album "Earth" setzt Neil Young sein zur Eigenwilligkeit tendierendes Gesamtwerk fort.

Lieder über Mutter Natur - und Tiere als Freunde: Altmeister Neil Young lässt wieder von sich hören. - © Reuters/Mario Anzuoni

Lieder über Mutter Natur - und Tiere als Freunde: Altmeister Neil Young lässt wieder von sich hören. © Reuters/Mario Anzuoni

In den vergangenen Jahren konnte man den alten Grantscherben Neil Young wieder recht oft dabei erleben, wie ihm wegen irgendwelcher Umstände der Hals anschwoll. Wobei die Umstände eh nicht irgendwelche waren, sondern aufgrund etwa der Ausbeutung und Zerstörung von Mutter Natur durchaus gravierende. Mit dem Album "The Monsanto Years" gab der heute 70-Jährige im Vorjahr nicht nur einmal mehr den besorgten Bürger. In alter Angriffslaune brachte er auch den klassischen Protestsong zurück auf die Bühne. Rocken gegen Kaffeehausketten, Einzelhandelsgiganten und Saatgutunternehmen stand auf dem Programm. Irgendwo zwischen Klimawandel, Überfischung der Meere, Bienensterben, Fracking oder der Walmartisierung der Welt inklusive Verödung der Innenstädte und Knechtung des Humankapitals ging es darum, eine Scheißwut auf das beschissene Scheißsystem verdammt noch einmal musikalisch zum Ausdruck zu bringen.

Gift und Galle
Und auch in den Interviews zeigte Neil Young keine Scheu, unbequeme Wahrheiten zu artikulieren. Wie des Öfteren bei älteren Menschen, die ihren Zorn haben und nichts mehr zu verlieren, ging das immerhin manchmal gut. In der "Süddeutschen Zeitung" reflektierte Young erst dieser Tage über die Manifestierung der Dummheit im Reality-TV - und Donald Trump als entsprechendes "Endergebnis, die Personifizierung der amerikanischen Medienlandschaft". Er selbst, so Young, würde die USA bei einem Wahlsieg des Republikaners wohl verlassen. Gift und Galle spuckend und geifernd mit grimmigem Blick aber fanden sich auch auf "The Monsanto Years" Momente einer gewissen Nähe zum reinen Wutbürgertum. Bezüglich der erwähnten Problemstellungen jedenfalls ging Young insofern mit gutem Vorbild voran, als er seinen Fuhrpark auf Hybridmotoren umzurüsten begann und Vegetarier wurde. Seine Rückkehr zum Marihuana-Abusus nach einer kürzeren Auszeit wiederum dürfte nun unmittelbare Auswirkungen auf uns alle haben. Sie werden ab nächster Woche in Form des neuen "Live"-Albums "Earth" (Warner) spürbar sein.

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Mit den 98 Spielminuten bringt Neil Young nicht etwa die größten Hits seiner Tour von 2015 mit der dienstjungen Begleitband Promise Of The Real um die Willie-Nelson-Söhne Lukas und Micah Nelson, sondern die in Sachen Mutter Natur gewahrsamsten Songs als Mitschnitt zu Gehör - was bedeutet, dass sich auch Raritäten wie "Hippie Dream" vom oft gescholtenen Synthie-Versuch "Landing On Water" (1986) auf der Tracklist befinden. Darüber hinaus heult Neil Young recht eindringlich naturmystisch den "Wolf Moon" an, sehnt sich ins fernab der städtischen Hektik gelegene "Country Home" und fordert "Seed Justice" für die amerikanischen Bauern.

Quakakakaken
Die jungen Kollegen dürfen zu alledem möglichst genauso klingen wie Youngs alte Verbündete Crazy Horse, was zwischen schludrigem Garagen-, glühendem Strom- und einwendigem Countryrock grundsätzlich zu mit brüchig-dünner Stimme besungener, eigenwillig-großer Kunst führen kann. Allerdings ist der Meister diesmal auf die Idee gekommen, die raue Live-Dynamik mit aalglatten Overdubs aus dem Studio und teils auch Autotune-Gesängen zu kontrastieren, während leise im Hintergrund das Publikum johlt. Und vor allem wird Mutter Natur eine Stimme verliehen, indem man die einst von Blumfeld besungenen "Tiere um uns" nun als Field Recordings vor, nach und über den Aufnahmen hört. Gleichfalls im Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung" zeigte sich Young übrigens erleichtert, dass alle Tiere in C-Dur kommunizierten und nicht künstlich gestimmt werden mussten! Im Wesentlichen wurde das Album also bereits 1966 von Ernst Jandl mit dem Gedicht "Auf dem Land" vorweggenommen: "fröschöschöschöschöschöschöschöschE / quakakakakakakakakEN / hummummummummummummummummELN / brummummummummummummummummEN."

Zwischen der einläutenden Harmonium-Version von "Mother Earth" und dem 28-minütigen Freakout mit "Love And Only Love" zum Abschluss klingen die Enten bei "Country Home" kurz wie Free-Jazz-Saxofone, manchmal hört man rhythmische Raben und Fliegenschwärme imitieren Applaus, meistens sind unsere animalischen Freunde aber ebenso außermusikalisches Beiwerk wie der als Gegenpol eingestreute Verkehrslärm. Neil Young empfiehlt übrigens, das Album "under the influence" durchzuhören. Muh!

Am 23. Juli wird der Altmeister auf der Burg Clam in Oberösterreich dann sein einziges Österreichkonzert des Jahres 2016 absolvieren. Dabei bitte keinesfalls mit Insektenspray gegen Gelsen vorgehen! Neil Young versteht da keinen Spaß. "Tiere um uns, was wär’n wir ohne sie?"




Schlagwörter

Pop, Neil Young, Albumkritik, CD

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-06-16 16:47:12
Letzte nderung am 2016-06-17 03:57:12



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