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Update: 22.08.2016, 15:13 Uhr

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Von Michael Ortner

  • Flüchtlinge wollen nicht arbeiten, lautet ein gängiger Vorwurf. Die erste Jobmesse für sie beweist das Gegenteil.





Rund 100 Menschen eine Fixanstellung zu vermitteln, ist das Ziel von Veranstalter Widrich.

Rund 100 Menschen eine Fixanstellung zu vermitteln, ist das Ziel von Veranstalter Widrich.© S. Jenis Rund 100 Menschen eine Fixanstellung zu vermitteln, ist das Ziel von Veranstalter Widrich.© S. Jenis

Wien. Das Glück könnte schon beim nächsten Stand warten. Aber erst heißt es anstehen vor den Logos von Siemens, Ikea und Rewe. Menschen mit Arabisch-Wörterbüchern und Bewerbungsmappen in der Hand bilden Trauben in der Gasse zwischen den Messeständen. Über ihnen hängen die Wegweiser zum Glück. "Industrie", "Handel" oder "Hotellerie" ist auf den Tafeln zu lesen - in Deutsch, Arabisch und Farsi.

Denn die vielen hundert Menschen, die sich auf der Jobmesse in der Halle E+G des Museumsquartiers drängen, sind Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak. Sie haben es besonders schwer auf dem österreichischen Arbeitsmarkt, der unter der angeschlagenen Konjunktur leidet. Die Zahl der Arbeitslosen steigt von Monat zu Monat. Bei der Arbeitssuche stehen den Flüchtlingen zudem sprachliche und bürokratische Hürden im Weg, obwohl sie zum Teil jahrelang studiert oder einen Beruf ausgeübt haben.

Barrieren überwinden

Zwei Drittel aller arbeitslosen Asylberechtigten in Österreich - rund 17.000 - entfallen auf Wien. Leo Widrich und Stephanie Cox wollten diesen Zustand ändern. "Arbeit zu haben, löst die meisten Probleme", sagt Widrich zur Wiener Zeitung. Deshalb stellten der Start-up-Gründer und die Anthropologin innerhalb von nur vier Monaten "Chancen:reich" auf die Beine. Die erste Berufsmesse in Österreich, die sich speziell an geflüchtete Menschen richtet. "Wir wollten Barrieren überwinden und die Menschen mit Unternehmen zusammenbringen", so Widrich. 50 Unternehmen sind der Einladung gefolgt, 20 weitere NGOs und Beratungsfirmen sind auf der Messe vertreten.

Das AMS Wien hat als Kooperationspartner rund 3000 Flüchtlinge zur Messe eingeladen. "Ich erwarte mir, dass die Menschen das Gefühl haben, dass wir sie unterstützen und dass sie viel Information mitnehmen", sagt Wiens AMS-Chefin Petra Draxl. Der Andrang auf die Messe ist gewaltig. Bereits am Morgen bildet sich vor der Halle eine lange Schlange.

Ammar Zammar hat es in die Halle geschafft. In Hemd und Sakko gekleidet steht er am Stand von Swarovski und ist in das Gespräch mit einer Recruiterin vertieft. Vor ihm liegt seine Bewerbungsmappe, darunter glitzert in einer Glasvitrine Kristallschmuck. "Swarovski war sehr interessiert an meinem Lebenslauf. Vielleicht können sie mich im Sales Management für den Nahen Osten gebrauchen", sagt der 32-Jährige zuversichtlich in fließendem Englisch.

Im vergangenen September musste er wegen des Bürgerkriegs Aleppo in Richtung Europa verlassen. In Syrien arbeitete er im Marketing für eine Firma, die Shoppingmalls und Straßen baut. Nun liegt Aleppo jedoch in Trümmern, "70 Prozent meiner Heimatstadt sind vom Krieg zerstört", sagt Zammar. Kurz nachdem er in Wien ankam, arbeitete er ehrenamtlich bei der Caritas und half anderen Flüchtlingen. "Ich wollte nicht zu Hause sitzen und nichts zu tun", beschreibt er diese Zeit. Zammars Chancen, einen geeigneten Job zu finden, stehen gut. Er hat bereits neun Jahre Erfahrung in Marketing, Sales Management und Coaching.

Mit diesem Abschluss und der Erfahrung ist Zammar ein Best-Case-Beispiel. Doch oft kann die im Heimatland erworbene Fähigkeit in Österreich nicht gebraucht werden, oft fehlt sogar ein Pflichtschulabschluss. Fehlende Netzwerke erschweren zudem den gesellschaftlichen Anschluss.

Neuland für Unternehmen

"Chancen:reich" ist nicht nur für manche Flüchtlinge der erste Kontakt zu Unternehmen. Auch umgekehrt betreten manche Unternehmen hier Neuland. "Der Wille der Unternehmen, Asylberechtigte zu beschäftigen, ist da", sagt Mitorganisatorin Cox, "aber viele wissen nicht, wie man dabei vorgeht." Der Faserhersteller Lenzing etwa beschäftigt bisher noch keine Flüchtlinge. "Wir sind noch ganz am Anfang und wollen uns hier auch mit anderen Unternehmen, die bereits Erfahrung haben, austauschen", sagt Recruiter Johann Kogler. Bisher gibt es bei Lenzing nur die Möglichkeit, dass Asylwerber ein dreimonatiges Volontariat absolvieren. Künftig plant man aber eine Facharbeiterausbildung speziell für Asylberechtigte. Wie viele Stellen entstehen sollen, kann er noch nicht sagen. Die Nachfrage wäre auf jeden Fall vorhanden: "Wir sind fast überrannt worden von Interessenten. Chemiker, Konstrukteure und Elektrotechniker haben bei uns nach Jobs gefragt", so Kogler und zeigt auf eine mit Bewerbungsmappen prall gefüllte Box.

Bis Yusra Taha sich bewerben kann, werden noch einige Monate vergehen. Die 50-Jährige, die einen Hijab und lange dunkle Kleider trägt, stammt wie Zammar aus Aleppo. Sie arbeitete dort als Frauenärztin in einem Spital. Zum Glück konnte sie ihre Abschlusszeugnisse retten. Seit Oktober ist sie in Wien, den positiven Asylbescheid erhielt sie relativ rasch. Denn auch die lange Verfahrensdauer legt den Flüchtlingen bei der Jobsuche Steine in den Weg. Waren es im Herbst 2015 im Schnitt noch fünf bis sechs Monate, so sind es im ersten Quartal 2016 laut Innenministerium 7,5 Monate - allerdings nur bis zur ersten Instanz.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-06-30 16:56:10
Letzte nderung am 2016-08-22 15:13:34



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