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Update: 16.11.2016, 01:36 Uhr

USA

Publikumsmagnet Black History




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Von WZ-Korrespondentin Bettina Figl

  • Das Nationale Museum für afroamerikanische Geschichte hat den letzten freien Platz an der National Mall bekommen.

Das Design des Überbaus des N.M.A.A.H.C. erinnert an westafrikanische Textilien. - © B. Figl

Das Design des Überbaus des N.M.A.A.H.C. erinnert an westafrikanische Textilien. © B. Figl

Sklaverei, Segregation, Gegenwart: Viele Besucher haben persönliche Geschichten zu erzählen.

Sklaverei, Segregation, Gegenwart: Viele Besucher haben persönliche Geschichten zu erzählen.© B. Figl Sklaverei, Segregation, Gegenwart: Viele Besucher haben persönliche Geschichten zu erzählen.© B. Figl

Washington D.C. Schulklassen, Menschen mit Dreadlocks und ergraute Vietnam-Veteranen warten auf den Lift, um in die Ausstellung "Sklaverei und Freiheit" zu gelangen. Sie haben, mit Glück oder durch Beziehungen, Tickets für das N.M.A.A.H.C. ergattert, für das neue Nationale Museum für Afro-Amerikanische Geschichte und Kultur. Während sie warten, betrachten sie Schwarzweißfotos afro-amerikanischer Persönlichkeiten an der Wand.

"Das ist Shirley Chisholm, die erste Frau, die für das Präsidentschaftsamt kandidiert hat", sagt Clara Sylvia Cooke Martin. Die pensionierte Bibliothekarin war Chisholms Verbindungsschwester: Sie studierten in den 1960er-Jahren an der Universität Maryland und waren zwei der ersten Afro-Amerikanerinnen, die am Campus wohnen durften.

Später Beitrag zur Aufarbeitung

Fast alle Besucher haben persönliche Geschichten wie diese zu erzählen. Den Besucheransturm, den das Museum seit seiner Eröffnung Ende September erlebt, mit Identitäts- und Wurzelsuche zu erklären, wäre aber zu kurzgefasst. Die Menschen haben lange auf dieses Museum gewartet, es ist ein später Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte.

"Wir haben in Washington D.C. das Holocaust-Museum, und das ist ein tolles Museum, aber was würden wir sagen, wenn die Deutschen ein großes Museum über Sklaverei in Amerika errichten, aber den Holocaust unerwähnt lassen?" sagt der Historiker Eric Foner, der die N.M.A.A.H.C.-Kuratoren beraten hat.

Einige US-Politiker meinten im Vorfeld, ein Museum, das sich ausschließlich mit der Geschichte und Kultur Afro-Amerikas befasse, hätte ein zu kleines Zielpublikum und würde sich nicht rentieren. Von wegen: 103.000 Besucher kamen in den ersten zehn Tagen, sie blieben im Schnitt sechs Stunden, das ist dreimal länger als der durchschnittliche Museumsbesuch. Die US-Medien singen Lobeshymnen, Tickets sind bis März 2017 ausverkauft: Das N.M.A.A.H.C. ist das derzeit meist gefragte Museum der USA.

Sklaverei, Segregation, Gegenwart: Das Museum ist chronologisch angeordnet. Eines der Highlights ist die Bibel des Sklaven Nat Turner: Er hatte 1831 einen Sklavenaufstand gestartet, bei dem fast 60 Menschen getötet wurden. Unter ihnen Mark Persons Vorfahren, bis vor kurzem Besitzer der Bibel, die er nun dem Museum spendete. Die Hälfte der 36.000 Stücke der Sammlung waren Privatspenden. Museumsdirektor Lonnie Bunch und sein Kuratorenteam sind zehn Jahre lang quer durch die USA gefahren, um Stücke wie diese zu finden.

Überreste eines Sklavenschiffs, verrostete Fesseln von Sklaven - auch in Kindergröße -, das von einem Sklavenmarkt in Memphis stammende Schild mit der Aufschrift "allgemeine Auswahl an Negroes". In einem kathedralen Raum befindet sich ein Sarg, in dem der verstümmelte Leichnam des 14-jährigen Emmett Till aufgebahrt wurde.

Till wurde 1955 in Mississippi auf brutale Weise ermordet, weil er mit einer weißen Frau geflirtet haben soll. Das Museum erinnert daran, dass US-Präsident Jefferson, der 1776 die Unabhängigkeitserklärung unterschrieb, Sklavenhalter war: Hinter seiner Statue sind Namen jener 609 Menschen eingraviert, die er im Laufe seines Lebens als Sklaven hielt. Konzentriert studieren die Besucher die Exponate, es herrscht betroffene Stille.

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Als sie erfährt, dass im Jahr 1832 Sklaven Baumwolle im Wert von knapp 30 Millionen US-Dollar produziert haben, löst das in Besucherin Mary Windheim Erinnerungen aus: "Meine Großmutter musste als Kind Baumwolle auf Feldern pflücken. Und ich durfte, zur Zeit der Segregation, nicht aus dem selben Wasserhahn trinken wie Weiße." Sie sagt, ihr Wissen über afro-amerikanische Geschichte habe sie ihrer Familie zu verdanken. Ihre junge Begleiterin fügt hinzu: "In der Schule wird nur einmal im Jahr darüber gesprochen, im Februar, im Black History Month."

In den oberen Stockwerken werden Heldinnen wie Angela Davis, Barbara Jordan und Anita Hill gefeiert, man lernt mehr über die Bewegungen "Black Is Beautiful", "Black Panthers" und "Black Lives ". "Es ist absurd, das ist die Geschichte meines Lebens", sagt die pensionierte Unternehmerin Charyl Calhoun über den Ausstellungsraum "1968 bis heute".

Mehr als Soul Food

In der Museumskantine sinken Karna Dev Bardhan und seine Frau Gouri mit den Worten "es ist unglaublich" erschöpft in ihre Sessel. Auf halbem Weg durch das Museum ist das pensionierte Ärztepaar aus London mit indischen Wurzeln im "Sweet Home Café" eingekehrt. Hier hat man die Wahl zwischen afro-amerikanischer Küche des Nordens, Westens, Südens oder der Küste, Historiker, Köche und Kuratoren haben zwei Jahre lang an den Speiseplänen getüftelt. "Wir wollten zeigen, dass afro-amerikanische Küche mehr ist als Soul Food", heißt es von Seiten des Museums. Das Ehepaar muss erst das Gesehene verdauen: "Ich bin sehr berührt, wie ehrlich und ungeschönt die Geschichte gezeigt wird", sagt Gouri. Als Engländer sind sie besonders an der in der Ausstellung ebenfalls beschriebenen Rolle Europas am Sklavenhandel interessiert.

Erste Bestreben für ein solches Museum gab es 1915. Die Diskussionen, die anfangs im Sand verliefen, wurden in den 1970er-Jahren wiederaufgenommen. Fehlender politischer Wille, die schwierige Standort-Suche und Finanzierungsprobleme führten dazu, dass das Museum erst heuer eröffnet wurde, in einer feierlichen Zeremonie mit Ansprachen des Präsidenten Barack Obamas und seines Vorgängers George W. Bush.

Ursprünglich wollte man das Museum am Rande der Hauptstadt ansiedeln. Dass es sich nun neben dem Washington Denkmal unweit des Weißen Hauses an dem letzten freien Fleck der National Mall befindet, ist ein symbolischer Sieg.

Anders als die meisten staatlichen, Smithsonian-Museen in weißem Marmor schimmert das N.M.A.A.H.C. in kupfernem Bronze. Beim verwobenen Design des Überbaus hat sich Architekt David Adjaye, ein Brite mit ghanaischen Wurzeln, von westafrikanischen Textilien inspirieren lassen. Da er an der Mall, einem der meistregulierten des Landes, nicht weiter in die Höhe bauen durfte, befindet sich mehr als die Hälfte des Gebäudes unter der Erde.

Oprah spendete 20 Millionen Dollar

Beinahe die Hälfte der 540 Millionen Dollar, die das Museum kostete, kommt von Privatpersonen, darunter Basketballstar Michael Jordan oder TV-Ikone Oprah Winfrey – für ihre 20-Millionen-Dollar Spende wurde ihr mit einem Oprah-Theater gedankt. Auch die Besucher Walt Williams und seine Frau Yvette haben gespendet: "Wir sind extrem stolz, dass es dieses Museum endlich gibt". Sie ist in New York City, er in New Orleans aufgewachsen. "Wir haben Rassismus auf unterschiedliche Art und Weise erlebt: Ich habe als Kind im Bus mit den Nur-für-Weiße-Schildern gespielt, ohne zu verstehen, was das bedeutet. Meine Frau hat für mehr Diversität an New Yorks Schulen gekämpft", sagt Walt.

Chuck Berrys knallroter Cadillac, Musik der Jackson 5 oder das Porträt der ersten afro-amerikanischen Wimbledon-Siegerin Althea Gibson ermöglichen Pausen zum Durchatmen, bevor man wieder von der Realität eingeholt wird: hinter den Vitrinen liegen vermeintliche Schönheitsprodukte, die die Haut heller machen sollen. Als eine Besucherin erfährt, dass afro-amerikanische Hairstyles beim US-Militär heute noch verboten sind, bricht sie in Tränen aus.

Für traumatisierte Besucher gibt es im Museum einen eigenen Ansprechpartner, und die Menschen suchen die An- und Aussprache, auch unter einander. "Nichts hat sich verändert, gar nichts", sagt ein Besucher in der Sklaverei-Ausstellung in Anspielung auf Polizeigewalt gegen Schwarze, und wird sofort von einer Besucherin korrigiert: "Es gibt noch einiges zu verbessern, aber es hat sich schon so viel zum Positiven geändert.

Das Ehepaar Williams erzählt, Rassismus werde heute meist nicht offen gezeigt: "In einem Vorstellungsgespräch wurde mir gesagt, ich würde mich hier nicht wohlfühlen", erzählt Yvette, ihr Mann ergänzt: "Ein Baustellenleiter sagte mir, er wundere sich, warum Menschen Jobs anstreben, die nicht ihrem Naturell entsprechen." Ihn freut, dass sich unter den Museumsbesuchern viele Schüler befinden, doch er bedauert, dass er in einem Tag nicht alles sehen konnte. Wie die meisten Besucher sagt er: "Ich muss auf jeden Fall wiederkommen."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-08 16:14:13
Letzte Änderung am 2016-11-16 01:36:33



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