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Update: 01.12.2016, 11:24 Uhr

Weltaidstag

"Besonders schlimm ist das soziale Aids"




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Von Arian Faal

  • Anlässlich des heutigen Welt-Aids-Tages sprach Gery Keszler über seine HIV-Erkrankung und den Life Ball.



Life Ball-Chef Gery Keszler.

Life Ball-Chef Gery Keszler.© APAweb / Herbert Neubauer Life Ball-Chef Gery Keszler.© APAweb / Herbert Neubauer

Wien. Punsch, Maronistände, Weihnachtsdekorationen und hektische Momente auf den Wiener Einkaufsstraßen: Der Advent hält in der Stadt Einzug und mit ihm die besinnlichste Zeit des Jahres. Bereits zum 28. Mal feiert man zusätzlich am 1. Dezember das Leben und den Welt-Aids-Tag mit einem besonderen Augenmerk auf das HI-Virus. Nachdem heuer der Life Ball, das zweite große Event, das sich mit dem Thema beschäftigt, pausiert hat, um Ideen für eine Neuausrichtung zu sammeln, bekommt der Welt-Aids-Tag in Wien heuer noch eine stärkere Bedeutung.

Die Stadt steht ganz im Zeichen des "Red Ribbon" (Rote Schleife), das seit 1991 weltweit das Symbol der Solidarität mit HIV-Infizierten und Aids-Kranken ist: Auf den Straßenbahnen und den Taxis wird mit Aufklebern und Fähnchen auf das Thema hingewiesen und die Aids Hilfe Wien hat zahlreiche Sonderaktionen vorbereitet. Die Wiener Linien unterstützen das Projekt und belassen die Red-Ribbon-Flaggen bis 11. Dezember kostenfrei an allen Straßenbahn-Triebwägen. Außerdem wurde von der Integrations-Stadträtin Sandra Frauenberger und der Wiener Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtliche und transgender Lebensweisen (Wast) wie jedes Jahr die Red-Ribbon-Fahne am Wiener Rathaus unter dem Motto, "Bekämpft Aids, nicht Menschen mit Aids" gehisst.



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Eine der wichtigsten Herausforderungen, um die HIV-Epidemie zu rasch zu beenden, ist der Abbau von Diskriminierung von gefährdeten Personengruppen und von HIV-positiven Menschen. Daher hat die Aids Hilfe Wien eine nationale HIV-bezogene Diskriminierungsmeldestelle eingerichtet. 2014 und 2015 wurden österreichweit insgesamt 86 Fälle gemeldet und 78 Menschen individuell unterstützt. Diskriminierung ist jedoch nicht die einzige Testbarriere. Auch fehlendes Risikobewusstsein, mangelnde Gesundheitskompetenz oder das fehlende Angebot verhindern, dass der Test nachgefragt wird. Genau hier setzt die Aids Hilfe Wien mit einem zielgruppennahen Testangebot an. Im November 2016 wurden in 11 Außenstellen 178 HIV-Antikörpertests durchgeführt. Dabei gab es vier reaktive Ergebnisse. Insgesamt 6449 HIV-Tests und 41 Neudiagnosen gab es 2015 in Wien. Manche Menschen können aber selbst niederschwellige Gesundheitsangebote nicht in Anspruch nehmen. Besonders für Migranten erschweren Sprachbarrieren, kulturelle Tabus oder prekäre Verhältnisse den Zugang zum Test oder zu medizinischen und psychosozialen Leistungen. Das aktuelle Projekt "Positiv Health" der Aids Hilfe Wien widmet sich daher der Förderung der Gesundheitskompetenz von HIV positiven Migranten. Aber auch für Menschen ohne Versicherung ist die Aids Hilfe Wien eine wichtige Anlaufstelle, da sie vorübergehend auch die medizinische Versorgung übernehmen kann. Das Team der Sozialarbeiter versucht, den fehlenden Versicherungsschutz so schnell wie möglich wieder herzustellen.

Besser als jede Therapie ist der Schutz vor einer HIV-Infektion mit dem Kondom - allerdings nicht für jeden immer umsetzbar. Alternativen dazu bieten HIV-Medikamente. Wer unter wirksamer Therapie steht, ist nicht mehr infektiös und auch mit HIV-Medikamenten als prä- und postexpositioneller Prophylaxe können Neuinfektionen verhindert werden. Differenziertes Wissen dazu wird mit der Online-Kampagne "Quickie Check" für Männer, die Sex mit Männern haben, vermittelt.

www.aids.at
www.weltaidstag.at
www.lifeball.org

"Ich bin froh, dass ich 53 Jahre alt werden durfte"

Bereits im Vorfeld des Welt-Aids-Tages wurde von der Aids Hilfe Wien am Montagabend im Hotel Le Meridien ein Event für die Patienten veranstaltet, bei dem Life-Ball-Organisator Gery Keszler als Betroffener seine persönliche Geschichte über den Umgang mit der Krankheit erzählte. "Ich bin froh, dass ich 53 Jahre alt werden durfte, obwohl ich seit 33 Jahren infiziert bin", sagte Keszler und forderte von den vielen anwesenden HIV-Patienten, sich gegenseitig zu unterstützen. "Lasst uns nicht gegenseitig über uns selbst herziehen und lasst uns zusammenstehen, denn es gibt eh genug Leute, die negativ reden", so der Appell des Life-Ball-Vaters.

Das Ziel müsse es sein, in der Gesellschaft mit den Mythen und Ängsten rund um die Krankheit zu aufzuräumen und HIV sowie Aids akzeptabel zu machen, gleichzeitig aber nicht zu bagatellisieren. Die wichtigste Message des Abends war, dass jeder Betroffene selbst das Recht haben muss, zu entscheiden, wann, wo und wem er seine Krankheit publik macht.

Keszler wollte jedenfalls nie ein Guru der Nation sein, erzählt er über die Gründe, erst am Life Ball 2015 auf der Bühne klare Worte über seine Infektion zu finden. "Es durfte nie zu emotional werden. Der Life Ball durfte nie zu sehr an meine Person gebunden sein, sonst wäre er nicht nachhaltig", erklärte er.



1993, während der Anfänge des Events, war Keszler parallel als Visagist in Paris tätig. "Man trägt ein Geheimnis mit sich herum, weil man Angst hat, seinen Job zu verlieren. Dann entsteht der Life Ball aus einer Laune heraus und wird erfolgreich und du stehst vor einer grotesken Situation. Du machst eine riesige erfolgreiche Aids-Charity, bist selbst betroffen und darfst aber nicht darüber reden", sagte er. Denn auch er habe wie jeder andere Betroffene Scham und Angst gefühlt. Mit steigendem Erfolg des Events sei diese Angst immer größer geworden. Dies sei für ihn immer die "perfekte Ausrede" gewesen, es nicht publik zu machen. Doch dann kam der Life Ball 2015, ein Moment, den Keszler als "unfassbar wertvoll" in seinem Leben bezeichnet. "Einerseits war es mir peinlich, dass es so lange gedauert hat, bis ich es Österreich gesagt habe, aber anderseits war ich danach irrsinnig erleichtert", unterstrich er.

Nachsatz: "Aber ich hätte es nicht sagen müssen, denn es ist nach wie vor meine Sache." Hinsichtlich der Behandlung meinte Keszler, dass man ihm seinerzeit drei Jahre Lebenserwartung prognostiziert hatte. 1987 bekam er dann ein Medikament mit vielen Nebenwirkungen, das er alle paar Stunden einnehmen musste.

Heute genügt einmal am Tag, nämlich am Abend, ein Präparat und Keszler versucht, das Beste daraus zu machen und den Menschen Mut zuzusprechen, sich testen zu lassen. Besonders schlimm an der Krankheit sei das "soziale Aids". Das sehe er an den Reaktionen. "Da gibt es viele, die keinen Ahnung haben, wovon sie reden, und das war auch ein wesentlicher Grund für die einjährige Pause beim Life Ball", schilderte Keszler im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Apropos Life Ball: Am Dienstagabend wurde im Planetarium das neue Konzept für Europas größte Charity-Veranstaltung im Kampf gegen Aids, vorgestellt. Ein Vierteljahrhundert wird das Event 2017 auf dem Buckel haben und das wird nach einjähriger Schaffenspause für einen umfassenden Relaunch genutzt: "Der Life Ball muss auf Marketingebene passieren, denn niemand hängt sich ewig das Wohltätigkeitsmäntelchen um", sagte Keszler.

"Nicht giftig, gut therapierbar und genauso liebenswert"

Daher müsse man sich nachhaltige Konzepte einfallen lassen, damit die Firmen Geld zur Verfügung stellen. Nach der Schaffenspause sei das Ziel, den Life Ball wieder österreichischer zu machen und einige Kräfte zu bündeln. "Man muss die Menschen von der Paranoia abbringen und ihnen klipp und klar sagen, dass wir Infizierten nicht giftig, gut therapierbar und genauso liebenswert sind sowie die gleiche Lebenserwartung haben", so der Life Ball Initiator.

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Schlagwörter

Weltaidstag, HIV, AIDS

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Dokument erstellt am 2016-11-30 22:56:08
Letzte ─nderung am 2016-12-01 11:24:27



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