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Update: 07.05.2017, 18:08 Uhr

Entfremdung

Wie lebt man sein eigenes Leben?




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Von Andrea Roedig

  • Das Unbehagen an gesellschaftlichen Verhältnissen ist keine Privatsache, sagt die Sozialphilosophin Rahel Jaeggi.

- © Fiedels/Fotolia

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In den Debatten der 1960er und 70er Jahre war Entfremdung ein wichtiger Begriff, um gesellschaftliche Missstände zu kritisieren. Man sprach von falschen Bedürfnissen in der Konsumkultur, von entfremdeter Arbeit in den Fabriken und hatte die Vision einer vom Zwang befreiten Gesellschaft. Das scheint lange her, und doch sind Parallelen zur Gegenwart deutlich. Heute ist Burn-out ein großes Thema, Bücher über Achtsamkeit oder das Gute Leben füllen die Bestsellerlisten. Offenbar ist das Gefühl der Entfremdung nicht überwunden. Die Berliner Philosophieprofessorin Rahel Jaeggi hat sich schon Anfang der 2000er Jahre mit dem vergessenen Begriff beschäftigt, der in letzter Zeit wieder öfter auftaucht.

Jaeggis Buch "Entfremdung. Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems" ist 2016 im Suhrkamp-Verlag neu aufgelegt worden. Im Interview erklärt die Autorin, warum es eine schlechte Idee wäre, den Begriff ganz über Bord zu werfen.

Information

Rahel Jaeggi ist Professorin für Praktische Philosophie an der Berliner Humboldt-Uni. Sie gilt als eine Vertreterin der zeitgenössischen Kritischen Theorie.

Die Langversion dieses Interviews und weitere Texte zum Thema erscheinen in der Zeitschrift "Wespennest", Nr. 172

"Wiener Zeitung": Entfremdung war lange Zeit ein populärer Begriff zur Kritik sozialer Verhältnisse. Ab den 1980ern verschwand er aus der Debatte. Warum schien der Begriff nicht mehr tragfähig?

Rahel Jaeggi: Ein Grund war sicher seine inflationäre Verwendung. Wenn alle Übel dieser Welt als Entfremdung gelten, weiß natürlich irgendwann niemand mehr, was darunter nun genau zu verstehen sein soll. Viel wichtiger waren aber ein gewisser Paternalismus, den man mit der Kritik der Entfremdung verbunden hat. In den 1970er-Jahren, die ja die Hochzeit des Begriffs waren, neigten die Entfremdungsdiagnostiker dazu, vor allem jene als verblendet anzusehen, die nichts von ihrer Entfremdung wissen: Je glücklicher die Menschen im System sind, je fröhlicher sie Produkte konsumieren, desto entfremdeter sind sie. Dass sie sich im System wohlfühlten, galt gerade als Zeichen der Entfremdung.

Irgendwann wurde dieser Paternalismus des Besserwissens dann offenbar zum Problem.

Er kam zumindest aus der Mode und er widerspricht ja auch einer liberalen Auffassung, der es zwar um Autonomie und Selbstbestimmung geht, die aber letztlich keine objektive Instanz angeben will, die sagen könnte, was gut für die Menschen ist und was sie glücklich macht.

Sie arbeiten mit einem "nichtperfektionalistischen" Entfremdungsbegriff - was ist damit eigentlich gemeint?

Ich gehe nicht von einer ausgemalten Utopie des guten Lebens aus, bei der man ja meist an etwas kitschige Bilder von pausbäckigen Kindern denkt, die in der Sonne lachen. Es geht eher darum, sich auf die Diagnose entfremdeter und entfremdender Verhältnisse zu konzentrieren. Entfremdung ist eine Störung, eine Deformation, eine Dysfunktion im Welt- und Selbstverhältnis.

Was ist aber das Kriterium, um entfremdete, deformierte Verhältnisse zu bestimmen? Ist der Maßstab das empfundene Leid einer Person?

Wir sollten nicht darüber reden, von WAS wir uns entfremden (dem wahren Selbst), sondern WIE wir uns entfremden, also uns die Art und Weise anschauen, ob sich Individuen ihr eigenes Leben wirklich aneignen können oder nicht. Es lassen sich Unzulänglichkeiten, Lernblockaden, Funktionsstörungen benennen, die dieses Aneignungsverhältnis behindern. Dabei greift subjektives Leid als Kriterium zu kurz. Auch Wähler rechtspopulistischer oder rechtsextremer Parteien leiden, man könnte sogar sagen: Die leiden an Entfremdung. Dem Rassisten, der sagt, er leide darunter, dass hier so viele Schwarze herumlaufen, möchte man das Leid aber nicht eins zu eins abkaufen. Eher stellt sich die Frage: Welche Erfahrung von eigener Machtlosigkeit steckt hinter dieser Projektion auf den Fremden?


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Schlagwörter

Entfremdung, Philosophie

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-07 17:18:08
Letzte nderung am 2017-05-07 18:08:11



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